|1| Richtige Entscheidung

»Wer hätte gedacht, dass es so verdammt schwer ist, legal zu werden?«
Meine Stimme klingt heiser und rau von zu viel Whisky und zu wenig Schlaf. Frustriert stoße ich die Luft aus. Dass Elise mir gerade eine halbe Stunde lang vorgebetet hat, mit wem ich mich heute wann und warum treffen werde, und Declan mir anschließend ausführlich seine Sicherheitskonzepte für jedes einzelne dieser Treffen erläuterte, hat meine Laune kein Stück verbessert. Meine Stimmung ist am Tiefpunkt, und das liegt nicht nur an meinem brummenden Schädel.
Die letzte Nacht war hart. In vielerlei Hinsicht.
Du bringst alles durcheinander, kleine Tänzerin!
Aber sie ist garantiert nicht das, woran ich gerade denken sollte. Ich sollte den Fokus behalten. Immer. Also zurück zum Thema.
»Seit drei Jahren arbeite ich jetzt ununterbrochen daran, und ein Ende ist nicht in Sicht. Nicht mal ansatzweise.«
Drei elend lange Jahre, in denen ich schon versuche, dieses monströse Erbe rabenschwarzer Geschäfte in etwas Sauberes zu verwandeln. Es fühlt sich an, als würde ich mit bloßen Fäusten gegen eine Betonmauer schlagen und hoffen, dass sie irgendwann zusammenbricht. Was im Grunde genommen lächerlich naiv ist. Und gerade kommt es mir aussichtsloser vor denn je.
Ich sitze an meinem Schreibtisch, an dem ich viel zu viel Lebenszeit verschwende, Declan mir gegenüber auf dem Sessel. Er hat diese leichte Anspannung in seinem Kiefer, die dort jedes Mal ist, wenn wir viele Termine haben und er für meinen Schutz sorgen muss. Noch immer sieht sein Gesicht lädiert aus, und ein Hauch von Bedauern darüber, dass wir ihn bestrafen mussten, macht sich in mir breit. Aber so sind die Regeln in diesem Haus. Niemand entgeht seiner Strafe, wenn er einen Fehler macht. Keiner weiß das besser als Row und ich. Aber ich weiß auch, dass Declan das akzeptiert und es uns nicht wirklich übel nimmt.
Elise steht am Fenster, mir den Rücken zugewandt, und ihre steife Haltung ist eine einzige stumme Anklage. Ein Grinsen zuckt um meine Lippen. Vermutlich ist sie die Einzige, die sich so etwas bei mir erlauben kann. Doch das Grinsen erlischt sofort wieder, als mir klar wird, dass es da inzwischen vielleicht noch jemanden gibt. Fuck.
Declan lehnt sich in seinem Sessel zurück und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. »Wundert dich das wirklich? Du hast eine der größten kriminellen Organisationen des Landes geerbt. Die wäscht man nicht mal eben schnell in der Waschmaschine sauber. Und du hast doch schon einiges erreicht.«
Er hat recht, und im Grunde wusste ich auch von Anfang an, dass es Jahre dauern würde.
»Ich dachte nur nicht, dass ich auf so vielen Abschusslisten landen würde.« Mein Blick senkt sich auf meine Hände, auf einige der Tattoos, die unsere Taten und Sünden dokumentieren, aber auch die Dinge, die uns wichtig sind. »Fühlt sich an, als hätte die halbe Welt ein Zielfernrohr auf mich gerichtet.«
Declans Gesichtsausdruck wird ernst. Er beugt sich vor und stützt die Ellbogen auf die Knie. »Vielleicht nicht die halbe Welt, aber einige, Boss. Und die meisten davon verdienen ihr Geld damit, dass sie verdammt gut treffen können.«
Um meine Lippen zuckt ein Grinsen. »Vielleicht sollte ich es drauf ankommen und mich erwischen lassen. Nur damit sie mich alle für unsterblich halten, wenn Row dann den Job übernimmt. Stell dir ihre Gesichter vor, wenn ich einfach wieder auftauche, nachdem ich erschossen wurde.«
Declan zieht vorwurfsvoll seine Brauen zusammen. Was meinen Schutz betrifft, ist er anscheinend kein Freund von Galgenhumor. »Ich hasse es, wenn du so was sagst. Das war ein verdammt schlechter Scherz, Boss.«
Ich zucke mit den Schultern. Er schnaubt.
»Du willst aussteigen. Und das ist so ziemlich der gefährlichste Scheiß, den man machen kann. Ich reiße mir den Arsch dafür auf, dass du das überlebst. Also höre ich echt ungern, wenn du solche Sachen sagst.«
»Denkst du, das weiß ich nicht?«
Vor meinem inneren Auge taucht sein Gesicht auf, verzerrt von Schmerz, Angst und Reue. Er wollte auch damit aufhören, und es hat ihn seine ganze Familie gekostet. Und Row und mich sogar noch sehr viel mehr als das.
Ich schüttele den Kopf, genau einmal, hart, als könnte ich auf diese Weise den unerwünschten Gedanken wegschleudern. Das ist eine Tür, die ich vor langer Zeit zugeschlagen und verriegelt habe. Dahinter lauern eindeutig zu viele Gespenster.
Declan beobachtet mich schweigend. Seine hellbraunen Augen sehen manchmal mehr, als sie sollten.
»Du machst es dir aber auch selbst nicht gerade leicht, Boss. Du willst unbedingt verhindern, dass eines deiner Geschäfte an Snow fällt. Warum? Was hast du eigentlich für ein Problem mit dem Schneemann?«
Jeder einzelne Muskel in meinem Körper spannt sich an. Snow. Allein seinen Namen zu hören, schickt einen Schwall Eiswasser durch meine Adern. Die Erinnerung daran, was dieses verfluchte Monster getan hat, was er uns angetan hat, brodelt unter der Oberfläche. Ständig. Ich werde keine Ruhe haben, bis er vernichtet ist. Im Hintergrund ziehe ich verdammt viele Fäden dafür, aber mir ist bewusst, dass er dasselbe tut.
»Privatsache, Declan«, bringe ich heraus. Die Worte sind ein Befehl, der jede weitere Diskussion abschneidet.
Er hält meinen Blick einen Moment zu lange, dann nickt er knapp. Er respektiert Grenzen. Das ist einer der Gründe, warum ich ihm vertraue. So weit jemand wie ich überhaupt irgendjemandem vertrauen kann. Vielleicht nicht einmal mehr meinem eigenen Zwilling. Der Gedanke tut verflucht weh, und ich schiebe ihn beiseite.
»Gut, ist das dann alles?«, fragt Declan und macht Anstalten, sich aus dem Sessel zu erheben.
»Nicht ganz.« Ich stehe auf, presse die Hände flach auf den Schreibtisch. »Ich will, dass ihr Ruby ab sofort wieder behandelt wie einen Gast. Nicht wie eine Verbrecherin.«
Die Wirkung meiner Worte folgt unmittelbar. Elise, die die ganze Zeit regungslos am Fenster gestanden hat, wirbelt herum. Ihr Gesicht verzieht sich zu einer hässlichen Grimasse aus ungläubigem Zorn. »Du meinst, ich soll jetzt wieder freundlich zu ihr sein? Nach allem, was passiert ist? Nachdem sie uns belogen und betrogen hat? Nachdem sie uns für Snow ausspioniert hat?«
Ihre grauen Augen, die oft so kalt wirken, sprühen jetzt Funken. Unter ihrer kühlen Fassade glüht eine Loyalität, die so absolut ist, dass sie zur Grausamkeit werden kann.
»Ja, Elise. Das meine ich. Vielleicht kannst du dir sogar ab und zu ein Lächeln abringen, das nicht wie ein Zähnefletschen aussieht.«
Declan schnaubt verhalten. Ein Schmunzeln zuckt um seine Mundwinkel, als er aufsteht. »Ist es in Ordnung, wenn ich jetzt gehe, Boss? Vielleicht ist es besser, wenn ihr das alleine ausdiskutiert. Ich habe noch einiges zu tun.«
Ich nicke ihm zu und er verlässt den Raum. Die Tür fällt leise ins Schloss.
Elise steht immer noch da, die Arme vor der Brust verschränkt. »Deshalb ...«, murmelt sie und dreht sich ganz langsam wieder zum Fenster um. Sie richtet den Blick auf etwas draußen im Garten. »Sieh ihn dir an. Er sieht ... beinahe glücklich aus. Sie hat es also geschafft, dass ihr sie wieder gef...«
»Elise!«, unterbreche ich sie scharf.
Sie schüttelt den Kopf, aber sie weiß zum Glück, wann sie zu weit gegangen ist und es besser ist, den Mund zu halten. Ich trete neben sie ans Fenster. Die Sonne steht tief und taucht den Garten in ein warmes Licht. Und dort, mitten auf dem perfekt geschnittenen Rasen, ist Rowan.
Es ist eiskalt draußen, dennoch ist sein Oberkörper nackt. Seine Haut glänzt vor Schweiß. Jeder Muskel ist definiert, ein Beweis für seine Disziplin und Stärke. Er bewegt sich durch eine Reihe meditativer Kampfkunstübungen, jede Bewegung fließend, präzise und vollkommen kontrolliert. Perfekte Harmonie von Körper und Geist.
Bei diesem Anblick wird mir warm in meiner Brust. In den letzten Tagen war er völlig neben der Spur, aber er scheint sich wieder gefangen zu haben. Er hat mir nicht erzählt, was genau passiert ist, aber er hat seinen geliebten Flügel zu Kleinholz zerschlagen und ist anschließend einfach verschwunden. Nur noch einmal war er kurz hier, um Ruby abzuliefern. Ich habe keine Ahnung, wo er sich danach herumgetrieben hat und was er getan hat. Wenn er das Gelände verlassen will, hält ihn niemand auf. Wenn er nicht auf Nachrichten antworten will, kann ihn keiner dazu zwingen.
Jetzt ist er wieder hier, und Elise hat recht. Er wirkt glücklich. Beinahe ...
Eine Welle der Erleichterung durchflutet mich. So sollte er immer sein. Im Reinen mit sich. Die ständige Anspannung, die ihn sonst umgibt, ist wie weggespült. Die Dämonen, die ihn, genau wie mich, immer wieder heimsuchen, schlafen anscheinend im Moment.
Das ist Rubys Werk.
Diese verdammte kleine Tänzerin mit ihren großen braunen Rehaugen und ihrem hübschen Mund, der Lügen und Wahrheiten in einem Atemzug ausspuckt. Sie fasziniert mich mehr, als ich je für möglich gehalten hätte. Sie weckt Dinge in mir, die längst begraben sein sollten. Erinnerungen an die Zeit davor. Wünsche nach einem Leben, das ich nicht führen darf. Jedenfalls in den nächsten paar Jahren nicht.
Du wolltest ja unbedingt hierherkommen, Ruby. Zu mir.
Ich war es, zu dem sie wollte, denn zu diesem Zeitpunkt kannte sie Row noch gar nicht. Zwar hat er schon lange davor auf sie aufgepasst, aber er hat sich ihr nie gezeigt.
Er mag es leugnen, aber sie will mich auch.
Letzte Nacht in der Bibliothek, als sie so verletzlich und zugleich so stark und unerschütterlich vor mir stand, hätte ich sie am liebsten so lange geküsst und gefickt, bis sie vergisst, dass es auf dieser Welt noch jemand anderen gibt als mich. Bis ich diese verdammte Verwirrung in ihren Augen ausgelöscht hätte.
Da ist dieser dumpfe, nagende Schmerz unter meinem Brustkorb, und ich ahne, was es sein könnte, doch ich werde den Teufel tun und diesem Gefühl nachgeben.
Ich habe dich unterschätzt, kleine Tänzerin. In so vielerlei Hinsicht ...
Natürlich weiß ich schon lange, wie besessen Row von ihr ist, aber letzte Nacht wurde mir etwas klar. Diese Qual, die in seinen Augen stand, als ich sie geschlagen habe. Dieser Kampf zwischen seinem Beschützerinstinkt und seiner eigenen, widerwilligen Faszination für das, was ich mit ihr getan habe. Er hat es gehasst, aber er weiß, dass sie es in diesem Moment gebraucht hat. Und es hat sie auch nachgiebig und gefügig für ihn gemacht. Aber es hat ihn zerrissen.
Das ist nicht nur eine wahnsinnige Obsession. Das ist verdammt viel zu tief und viel zu echt.
Nie zuvor habe ich einen so tödlichen Ausdruck in seinen Augen bemerkt, wenn er mich angesehen hat. Obwohl ich noch vor Kurzem darauf geschworen hätte, dass er das nie tun würde, vermute ich, dass er kurz davor war, sich auf mich zu stürzen.
Row wird Ruby niemals teilen. Es ist nicht wie bei den anderen Frauen, diesen austauschbaren Körpern, die keine Spuren in unseren Seelen hinterlassen haben. Das hier ist etwas vollkommen anderes. Und ich verstehe seinen Wunsch, sie für sich zu haben. Viel mehr, als mir lieb ist.
Ich hätte etwas unternehmen müssen, als es noch möglich war. Ich hätte das früher regeln müssen, doch jetzt ist es zu spät. Das, was ich befürchtet habe, ist längst eingetroffen. Sie steht zwischen uns.
Und deshalb gibt es nur eine richtige Entscheidung. Ich verbiete mir diese Frau. Mit aller Macht. Ich werde sie nicht mehr küssen. Ich werde sie nicht einmal mehr anfassen. Ich werde dieses Verlangen in mir ertränken, es mit irgendetwas anderem überdecken, bevor es Row, mich und alles, was wir aufgebaut haben, zerstört.
»Du glaubst also jetzt nicht mehr, dass sie eine Spionin für Snow ist?« Elise beobachtet mich aus den Augenwinkeln.
Ich zucke mit den Schultern, mein Blick haftet immer noch an Row. »Ich glaube, dass einen die Umstände manchmal dazu zwingen, Dinge zu tun, die man sonst niemals tun würde.«
Man verrät sich selbst. Man verkauft sich. Man lügt und betrügt, um zu überleben. Ich verstehe das. Wahrscheinlich verstehe ich das sogar am allerbesten.
Sie seufzt leise. »Du wirst mir nicht sagen, was sie mit euch verbindet, oder?«
»Da liegst du richtig.«
Sie dreht sich zu mir um, ihre grauen Augen sind ernst. »Ich traue ihr nicht, Jaxon. Und das solltest du auch nicht. Ich mache mir Sorgen. Ich habe Angst, dass sie doch noch einen Weg findet, um mit Snow Kontakt aufzunehmen. Dass sie uns alle in Gefahr bringt.« Sie macht eine kurze, dramatische Pause. Ihr Blick bohrt sich in meinen. »Was würdest du dann tun?«
Um meine Lippen zuckt ein Lächeln. Vielleicht gibt es doch noch eine Sache, die ich mit Ruby tun würde. Ohne sie dabei anzufassen.
»Sie bestrafen«, antworte ich.
Viele von euch haben sich Kapitel aus Jaxons Sicht gewünscht, also wird es in diesem Band ein paar geben! Ich bin gespannt darauf, was ihr von ihm haltet.
Ich freu mich über jeden, der Ruby, Rowan, Jaxon und all die anderen durch Band 2 begleitet! 💖








