Samt & Schatten
(Julia)
„Julia!“
Ich drehte mich um. „Ja?“
Mila stand da, die Arme in die Höhe gestreckt und hielt ein Kleid, das aussah, als wäre es aus Blut gemacht. Tiefrot. Samt. Weich. Warm. Verboten.
Es reichte bis zu den Knien gerade so kurz genug, um Aufmerksamkeit zu fordern.
„Guck mal! Das musst du tragen!“
Ich biss mir auf die Lippe.
„Ich kriege Ärger vom Alpha. Das weißt du.“
Mila schnaubte. „Ach bitte! Es ist dein achtzehnter Geburtstag. Er wird schon nicht ausrasten.“
„Jaja… bestimmt nicht.“
Ich sah sie an sie war die Einzige, die mir noch widersprechen durfte. Die Einzige, die ich nicht aus Prinzip auf Abstand hielt. Denn Mila war nicht wie die anderen. Sie war meine Beste Freundin und ein Wolf. Und ich? Ich war das einzige Menschenmädchen in einem Rudel aus Raubtieren.
„Weißt du noch“, flüsterte ich, „wo er fast seinen eigenen Beta umgebracht hat, nur weil der mir ein Handtuch ins Zimmer brachte? Nur weil ich ihn gefragt habe?“
Mila wurde still.
„Okay… du hast recht. Aber er hat dir versprochen, dass du ab deinem 18. Geburtstag wieder unter Menschen darfst.“
Die Verkäuferin trat heran.
„Miss…“
Sie verbeugte sich leicht wie alle es taten. Vor mir. Nicht weil ich gefährlich war. Sondern weil ich ihm gehörte. Ich hatte Mila verboten, sich zu verbeugen. Sie war meine Freundin. Meine Schwester im Geiste. Nicht mein Untergebener.
Ich war zehn Jahre alt, als er mich fand. Blut tropfte aus meiner Nase, meine Rippen schmerzten bei jedem Atemzug, und mein Arm war verdreht wie bei einer kaputten Puppe. Ich hatte gebissen. Gebissen, um zu überleben. Und war dann aus dem Fenster gesprungen, Zweiter Stock. Winter. Eisiger Aufprall. Schnee hatte mich vor dem Tod bewahrt, aber nicht vor dem Schmerz. Ich war in den Wald gerannt, nicht, um zu fliehen sondern um zu sterben. Wegen meinem Stiefvater. Doch der Tod kam nicht. Stattdessen kam er. Ich erinnere mich an das Knirschen seiner Stiefel im Schnee.
An die Wärme seines Mantels. An seine Stimme, tief wie ein Fluch.
„Kleines. Ich helfe dir. Niemand wird dich je wieder anfassen. Du bist unter meinem Schutz. Und Schutz… bedeutet alles.“
„Miss Julia?“
Die Stimme der Verkäuferin riss mich zurück. Ich zwang mich zu lächeln.
„Bitte… sagen Sie einfach Julia.“
„Julia, sind Sie sicher mit dem Kleid?“
Ich nickte.
„Aber…“
„Keine Sorge. Alpha Marek wird nichts sagen.“
Ich wollte zahlen, doch sie hob die Hand.
„Das geht aufs Haus.Ein Geschenk zu Ihrem achtzehnten Geburtstag.“
Mila grinste nur dreist.
„Und die schwarzen High Heels vielleicht auch?“
„Mila!“
Die Verkäuferin lachte leise.
„Natürlich.“
Wir traten aus dem Laden. Die Luft in der Altstadt war kalt, aber klar. Die Straßen des Rudelterritoriums lagen ruhig da – zu ruhig. Man spürte die Ordnung. Die unsichtbaren Augen, die alles beobachteten.
Wir gingen am Trainingsplatz vorbei und Mila stieß mich an.
„Bei der Mondgöttin… sieh dir die Soldaten an.“
Sie glänzten im Nachmittagslicht. Oberkörper frei, Schweiß auf der Haut, Muskeln, die sich bei jedem Schlag gegen den Sandsack spannten. Wölfe in Menschengestalt. Roh. Wild. Ungezähmt. Einer drehte den Kopf. Noch einer. Ein Dritter blieb mit dem Blick an mir hängen. Der Kommandant bemerkte es.
„AUGEN. VORN!“
Die Stimme zerbrach die Atmosphäre wie Glas. Wir rannten. Lachten.
Am Rudelhaus angekommen, blieb Mila stehen.
„Ich geh nach Hause. Kommst du später?“
„Filmabend und Lästern?“
„Immer.“
Wir umarmten uns. Ich trat ein. Der vertraute Geruch von Gewürzen und gebratenem Fleisch umfing mich wie eine warme Decke. Maya kochte. Wie immer. Bolognese mit Spaghetti mein Lieblingsgericht.
„Wo ist Alpha?“, fragte ich.
Sie drehte sich um, lächelte.
„In einer Versammlung, Liebes.“
Ich nickte. Ging weiter. Zur großen Halle. Ich öffnete, ohne anzuklopfen, denn ich war die Einzige, die das durfte. Er hatte es so befohlen.
„Sobald du zuhause bist, kommst du zu mir. Egal, was ist. Ich will dich sehen. Ich will wissen, dass du atmest.“
Als ich eintrat, saß er dort breit, mächtig, die Hände ruhig auf dem Tisch gefaltet. Ein Raubtier, das nicht jagen musste, um zu herrschen. Er sprach gerade mit anderen Alphas. Fremde. Sie sahen mich. Und einer runzelte die Stirn.
„Mensch?“, knurrte er leise. Abwertend.
Alpha Marek bewegte sich nicht. Er schlug nicht zu. Er musste nicht. Seine Stimme allein zerschnitt den Raum wie ein Messer.
„Pass auf deine nächsten Worte auf, Alpha Derek.“
Die Spannung fraß sich in meine Knochen. Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Derek senkte den Blick.
„Ja… Alpha.“
„Was hast du da in der Tüte, Engel?“
Sein Blick streifte das rote Kleid. Ich lächelte.
„Überraschung. Mein Geburtstags-Outfit.“
Er nickte. Langsam.
„Sehr schön… Engel. Geh in dein Zimmer. Maya bringt dir gleich das Essen.“
Ich drehte mich um aber ich spürte seinen Blick im Rücken. Warm. Und irgendwie… zu lang. Ich stand in meinem Zimmer. Groß. Still. Schön wie ein Käfig aus Glas. Die Kleider hingen ordentlich nebeneinander. Lang. Elegant. Nie kurz. Nie auffällig. Nie etwas, das Fragen provozierte. Das rote Samtkleid lag auf dem Bett. Schwer. Dunkel. Es sah aus wie etwas, das man nicht tragen sollte, wenn man brav sein wollte. Ein leiser Knoten zog sich in meinem Magen zusammen. Ich hatte Angst. Nicht vor dem Kleid. Sondern vor seinem Blick, wenn er es sah. Vor dem Moment, in dem er entscheiden würde, ob ich zu weit gegangen war. Er hatte mir den größten achtzehnten Geburtstag versprochen. Seine Worte klangen noch in meinem Kopf.
Ein Klopfen an der Tür riss mich aus den Gedanken.
„Ja?“
„Julia, Liebes. Das Essen ist fertig.“
Maya.
Ich rutschte vom Bett, das Handy fest in der Hand, als wäre es ein Talisman. Etwas, das mich mit der Welt da draußen verband. Mit einer Welt, die nicht ihm gehörte.
Im Esszimmer brannte warmes Licht. Der Duft von Gewürzen hing schwer in der Luft. Er saß bereits am Tisch. Alpha Marek. Nicht alle waren da aber die Wichtigsten. Älteste. Kommandanten. Familie des Rudels. Als ich eintrat, stand er auf.
„Komm, Engel.“
Diese Blicke. Schon wieder. Zu lang. Zu still. Zu aufmerksam. Etwas fühlte sich anders an. Ein kalter Schauer kroch mir über den Rücken. Ich ging zu ihm, setzte mich neben ihn. Er küsste meine Schläfe. Seine Lippen waren warm. Der Moment zu lang.
„Esst“, befahl er ruhig.
Niemand widersprach. Besteck klirrte. Stimmen waren gedämpft. Ich aß mechanisch, spürte jeden Blick wie ein Gewicht auf meiner Haut.
Nach dem Essen führte er mich in sein Büro. Der Raum roch nach Leder, Holz und Macht. Die Tür schloss sich lautlos hinter uns.
„Setz dich, Schatz.“
Ich tat es. Er öffnete eine Schublade. Holte eine kleine Schatulle hervor.
„Das ist dein Geschenk zu deinem achtzehnten Geburtstag. Für morgen.“
Er reichte sie mir. Meine Finger zitterten leicht, als ich sie öffnete.
Gold. Eine Kette. In der Mitte ein Herz. Schwer. Kalt. Perfekt gearbeitet. Es glänzte im Licht wie etwas Wertvolles.
„Wow…“, hauchte ich.
„Sie ist wunderschön, Alpha.“
Er trat hinter mich. Nah. Zu nah. Nah genug, dass ich seinen Atem spürte. Er nahm die Kette. Legte sie mir um den Hals. Seine Finger streiften meine Haut. Langsam. Bedacht.
Ich stand auf, drehte mich um und umarmte ihn. Mein Kopf reichte kaum bis zu seinem Oberkörper.
„Danke, Alpha.“
Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. Ein Knurren vibrierte tief in seiner Brust. Ich zuckte zusammen.
„Alpha… habe ich etwas Falsches gemacht?“
Sein Blick war dunkel. Undurchdringlich.
„Nein, Engel“, sagte er ruhig.
„Ich bin nur gestresst.“
Ich nickte schnell. Er zog mich näher, küsste erneut meine Schläfe.
„Gehst du später zu Mila?“
„Darf ich?“
„Natürlich, Schatz.“
Dann wurde seine Stimme härter. Kontrollierter.
„Aber hör mir gut zu.“
„Ihr verlasst das Haus nicht.“
„Ich hole dich um 22 Uhr ab.“
„Und wenn ihr Bruder nach Hause kommt, rufst du mich sofort an.“
Ich schluckte.
„Ja, Alpha.“
Sein Daumen lag noch immer an meinem Hals. Direkt auf dem goldenen Herz. Als würde er prüfen, ob es richtig saß.




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