Chapter 1
Bis zu meinem 18. Geburtstag hatte ich in einer Besenkammer geschlafen und geschuftet wie eine Sklavin. Geschlagen, vergewaltigt und aufs Übelste beleidigt. Ich war ein Hybrid – die Rangniedrigste im Rudel, eine Schande für die gesamte Werwolfgemeinschaft. Ausgegrenzt, ausgebeutet und bis aufs Blut gequält.
Wenn Eltern bemerkten, dass ihr Kind ein Hybrid war, mussten sie es so schnell wie möglich töten, um zu verhindern, dass das Kind durch die Hölle ging. Wenn ein Mensch und ein Wolf sich paaren, wird es von der Mondgöttin entschieden, ob das Kand ein Wolf, ein Mensch oder ein Haybrid wir. Meine Eltern hielten es jedoch für klüger, mich einfach auszusetzen – in der Hoffnung, ich würde von selbst sterben. Sie brachten es nicht übers Herz, mich zu töten. Ich soll etwas besonderes gewesen sein. Doch wie es das Schicksal wollte, fand mich ein Patrouillenmitglied, als ich gerade einmal zwei Monate alt war und in einem Korb am Boden im Gebüsch lag. Damit war mein Schicksal besiegelt – das Leid begann, lange bevor ich es überhaupt begreifen konnte.
Niemand weiß, wie es ist, niemals in den Arm genommen zu werden, niemals geliebt zu werden. Jeden Tag daran erinnert zu werden, dass man eine Last ist – das schwächste Glied in einer Kette, die ohne einen stärker wäre.
Meine täglichen Aufgaben bestanden darin, als persönliche Dienerin der verwöhnten Beta-Tochter des Donnerschlagrudels zu dienen. Sie war grausam. Sie brauchte es, andere klein zu machen, um sich selbst groß zu fühlen.
Um fünf Uhr morgens riss mich der Hunger aus dem Schlaf – in meiner winzigen Kammer, kaum zwei Quadratmeter groß. Die zerfetzte Matratze lag unter einem alten Tisch, von dem zerrissene Zeitungen als notdürftige Vorhänge hingen. So etwas wie eine Decke oder ein Kissen besaß ich nicht.
Ich erhob mich mühsam und betrachtete die frischen Wunden an meinen Armen. Gestern hatte ich den Boden nicht „blitzeblank“ geschrubbt, und die Peitsche hatte mich dafür bestraft. Meine Haut heilte nur langsam, denn obwohl ich eine Wölfin in mir trug, konnte ich mich nicht verwandeln. Sie hieß Ice, und sie war meine einzige treue Freundin. Doch an diesem Morgen spürte ich sie nicht – sie hatte sich tief in mein Inneres zurückgezogen, verängstigt und verletzt von all dem Schmerz.
Langsam öffnete ich die Tür und trat hinaus in die klirrende Kälte. Draußen lag der Winter wie ein tödlicher Schleier über dem Land. Der kleine Teich hinter dem Anwesen war meine einzige Möglichkeit, mich zu waschen.
Ich streifte meine weiße Bluse und den abgetragenen Rock ab – meine einzigen Kleidungsstücke, eine demütigende „Uniform“. Ich war froh, keinen Spiegel zu besitzen, denn das, was ich darin gesehen hätte, hätte mich nur daran erinnert, wie zerstört ich war. Meine Gestalt war abgemagert, meine Haare hingen wie fahles, glanzloses Stroh an meinem Kopf, so leblos wie das Gras, das die Hasen fraßen. Hunderte Narben zeichneten meine Haut, dunkle Schatten lagen unter meinen hellblauen Augen. Meine Rippen traten deutlich hervor, und meine Füße waren wund – Schuhe hatte ich nie besessen.
Ich zog meinen letzten Schutz aus – den ausgefransten Slip und den alten BH, der kaum noch etwas verdeckte, denn ich besaß kaum noch Oberweite. Nackt, so wie Selene mich erschaffen hatte, stapfte ich durch den Schnee. Meine Zähne klapperten, und mit jedem Schritt färbte sich das Weiß unter mir rötlich. Schmerz fühlte ich kaum noch – mein Körper war längst gefühllos geworden. Sonst hätte ich die täglichen Schläge wohl nie ertragen.
Ich näherte mich dem Eisloch, das ich am Vortag in den gefrorenen Teich geschlagen hatte, und ließ vorsichtig meine Zehen in das schwarze Wasser gleiten. Kälte biss sich in meine Haut, als ich tiefer eintauchte. Das Wasser schnitt wie tausend Nadeln in meine Glieder, bis ich sie kaum noch spürte.
Ich tauchte unter. Über mir schloss sich das Eis, und für einen Moment überlegte ich, einfach dort unten zu bleiben – still, friedlich, vergessen. Doch der Gedanke, dass irgendwo draußen vielleicht mein Gefährte auf mich wartete, hielt mich davon ab.
Mit letzter Kraft kämpfte ich mich wieder an die Oberfläche, kroch keuchend aus dem Wasser und wickelte meine nassen Haare in ein altes Stück Stoff. Dann zog ich meine durchnässte Kleidung über meinen zitternden Körper.
Vorsichtig betrat ich das Anwesen, in dem der Alpha und der Beta lebten. Die nächsten zwei Stunden würden mir kaum Zeit zum Atmen lassen – das Frühstück musste vorbereitet werden. Jeden Tag verlangten sie ein ganzes Buffet, verschwenderisch und prunkvoll. Wenn alles ihren Vorstellungen entsprach, bekam ich eine Scheibe Brot und ein Stück altes Fleisch. An manchen Tagen bekam ich gar nichts.
Schon beim Betreten der Küche spürte ich, dass etwas anders war. Eine angespannte Stimmung lag in der Luft. Der Alpha diskutierte lautstark mit Alpha-Junior Alexander. Ich fing einzelne Wortfetzen auf:
„Meinst du, die kleine Schlampe schafft das?“
„Glaub mir, Vater, sie wird schon nicht verrecken.“
„Aber Ober-Alpha Quintus reist morgen mit seinem Sohn Leander an!“
Meine Wölfin regte sich in mir – ein schwaches, aufgeregtes Schnurren. Doch bevor ich den Gedanken weiterverfolgen konnte, hallte eine schneidende Stimme durch die Halle:
„Libella! Beweg deinen dreckigen Arsch hierher!“








