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Das Flutlicht des Rheinstadions war so scharf, dass es die Regentropfen auf Ellas Kameraobjektiv wie Diamanten funkeln ließ. Sie hasste Regen. Sie hasste die Kälte. Und sie hasste, wie ihr Puls raste, als Leo Krüger – der Mann, der ihre Karriere entweder retten oder beenden würde – zwanzig Meter entfernt auf dem Trainingsplatz den Ball in die Maschen hämmerte.
Leo Krüger, Stürmerstar des FC Rhenania 05, war nicht einfach nur gut. Er war eine Naturgewalt in kurzen Hosen. Er hatte diese explosive Mischung aus Eleganz und Aggression, die die Fans liebten und die Journalisten frustrierte. Er redete nie. Er gab keine Interviews. Er schoss Tore und verschwand.
Ella drückte den Auslöser, fing das perfekte Standbild ein: Leo, die Arme jubelnd erhoben, die Muskeln unter dem nassen Trikot gespannt, ein Lächeln, das die Kameras so selten zu Gesicht bekamen.
Ihr Chefredakteur hatte sie mit einem klaren Ultimatum zum Rhenania geschickt: „Bring mir die Story. Nicht irgendeine Story, Ella. Die Insider-Story über das Geld. Oder du bist raus.“
Das „Geld“ war ein offenes Geheimnis in der Liga: Hatte der FC Rhenania 05 mit dubiosen Investoren die Regeln des Financial Fair Play umgangen? Ella musste die Beweise finden. Und der Schlüssel zu den Finanzen lag oft bei den Spielern selbst.
„Hübsche Aufnahme, Fräulein Lindt.“
Ella zuckte zusammen. Der Pressesprecher, Herr Gruber, ein Mann mit der Ausstrahlung eines nassen Kartons, stand hinter ihr.
„Danke, Herr Gruber“, sagte Ella und setzte ihr professionellstes Lächeln auf. „Ich versuche, die Dynamik einzufangen, wissen Sie? Besonders in einer so wichtigen Saison.“
Gruber nickte, seine Augen wanderten misstrauisch über ihre Presse-Akkreditierung. „Die Dynamik ist klar: Wir gewinnen. Wir konzentrieren uns auf das nächste Spiel. Keine Ablenkungen. Und besonders keine Spekulationen, Fräulein Lindt.“
Seine Betonung auf „Spekulationen“ war ein eindeutiger Warnschuss. Gruber wusste, dass Ellas Magazin, das Sport Echo, investigativ war.
Leo Krüger kam in diesem Moment vom Feld. Er bemerkte Ella, die einzige Frau unter den paar Fotografen, und seine Miene verhärtete sich. Es war eine sofortige, eisige Abfuhr.
„Krüger! Haben Sie eine Minute für das Sport Echo?“, rief einer der Fotografen.
Leo schüttelte nur kurz den Kopf und stapfte Richtung Kabine. Er war keine drei Meter an Ella vorbeigegangen, als er im strömenden Regen auf einem losen Kabel ausrutschte.
Es war kein dramatischer Sturz, eher ein unkontrolliertes Straucheln. Aber es reichte. Leo stützte sich mit der Hand am Boden ab, verzog schmerzhaft das Gesicht und hielt sich dann das linke Knie.
Panik brach auf dem Platz aus. Der Trainer rannte herbei, Gruber fluchte leise, und Ella, die Reflexe einer ehemaligen Hobbysportlerin, ließ die Kamera fallen.
Sie war als Erste bei ihm.
„Nicht bewegen!“, sagte sie scharf und kniete im nassen Schotter neben ihm. „Ich bin keine Ärztin, aber bitte, bewegen Sie es nicht, bevor der Physio da ist.“
Leos Augen, dunkelgrün und von Schmerz getrübt, fixierten sie. Er schien schockiert, dass jemand ihm einen Befehl gab. Er keuchte. „Ist schon gut. Ich kann...“
„Nein“, unterbrach Ella. „Wenn es ein Seitenband ist, machen Sie es nur schlimmer.“
Der Physio stürzte herbei, gefolgt von Gruber, der fast hysterisch war. „Krüger! Alles in Ordnung? Fräulein Lindt, bitte treten Sie zurück. Das ist ein Unfall, kein Fototermin!“
Ella stand auf, ihre Knie waren nass, ihre Hände zitterten. Sie sah Leo noch einmal an. Er lag da, nass, verletzlich, der gefallene Star. Ihre Journalisten-Instinkte schrien nach einem Foto, nach einer exklusiven Story über die Verletzung, die das Schicksal des Rhenania besiegeln könnte.
Aber sie hob die Kamera nicht auf.
Stattdessen sagte sie nur zu Gruber, ihre Stimme war überraschend fest: „Seine linke Hand ist geschwollen. Er hat sich damit abgestützt. Lassen Sie das bitte sofort überprüfen, Herr Gruber.“
Sie drehte sich um, packte ihre nasse Tasche und ging. Die Story über das Geld würde warten müssen. Die Story über Leo Krüger hatte gerade erst begonnen.








