Nayara
Alle starren mich an. Wirklich alle.
Ich stehe mitten im Foyer des Rathauses von Brindisi und habe das Gefühl, dass jeder einzelne Mensch hier gerade beschlossen hat, mich mit seinen Augen auszuziehen, neu einzukleiden und anschließend mental zu bewerten. Und zwar nicht positiv. Eher so im Sinne von: Was zum Teufel macht dieses Strandwesen in unserem ehrwürdigen Verwaltungsgebäude.
Ich hebe das Kinn, als könnte das irgendetwas retten, und tue so, als sei es vollkommen normal, hier auftauchen zu wollen, während ich aussehe, als hätte ich mich spontan für eine Strandparty entschieden und dann aus Versehen in der Lokalbehörde gelandet. Ich meine, ehrlich. Ich habe die verdammte Stellenausschreibung am Strand gefunden. Am Strand. Zwischen Muscheln, angespültem Seetang und einem zerfetzten Touristenflyer lag ein sauberer, perfekter Zettel, der wie eine göttliche Eingebung wirkte. Oder wie ein Werbeversuch für ein unseriöses Callcenter. Aber ich habe mich entschieden, daran zu glauben, dass das Universum für einmal nett zu mir ist. Vielleicht war das mein erster Fehler heute.
Die Anzeige sah so unschuldig aus, dass mein Gehirn völlig vergessen hat, misstrauisch zu sein. Flexible Arbeitszeiten, entspannter Büroalltag, leichte Aufgaben, und vor allem das letzte, absolut entscheidende Detail: das Praktikum, das ich unbedingt brauche, um mein Studium abzuschließen. Es fühlte sich an, als hätte der Himmel persönlich mir ein Geschenk gemacht.
Ich stehe immer noch im Eingang und spüre, wie die Kälte der Klimaanlage meinen noch leicht salzigen Hautton trifft, während Sonnencreme langsam an meiner Schulter hinuntergleitet. Ich sehe aus, als hätte mich jemand direkt aus der Adria gefischt. Ich liebe meinen Strandlook und eigentlich stört er mich nie. Aber im Moment wünsche ich mir, ich wäre unsichtbar. Oder zumindest angezogen wie ein normaler Mensch.
Ich habe eine kurze schwarze Stoffhose an, die eindeutig besser für Cocktails mit Meerblick geeignet ist als für irgendeinen Raum voller Büro Mitarbeiter. Dazu trage ich immer noch mein Bikini Oberteil, das sich heldenhaft bemüht, professionell zu wirken, aber eindeutig scheitert. Meine Strandtasche halte ich so fest an mich gedrückt, als wäre sie ein Schutzschild aus Stoff, das mich vor der puren Peinlichkeit bewahren könnte, die gerade über mich rollt.
Ich hatte keine Angaben zum Tag oder zur Uhrzeit auf diesem Zettel gefunden. Nicht einmal ein Name stand darauf, kein Ansprechpartner, kein Raum, absolut gar nichts, was auch nur ansatzweise professionell gewirkt hätte. Das Einzige, was darauf stand, war der Hinweis, dass man sich nicht bewerben müsse und lediglich persönlich erscheinen solle. Also bin ich erschienen. Persönlich. Viel zu persönlich eigentlich.
Mein Herz schlägt schneller als es sollte, meine Hände sind schwitzig vom Stress und nicht vom Meer, und meine Nerven haben beschlossen, mich heute zu verlassen. Fantastischer Zeitpunkt. Ganz großartig.
Ich hätte irgendwann anders kommen sollen. Irgendwann, wo ich nicht wie die menschgewordene Version einer Strandbar aussehe. Irgendwann, wo ich nicht von fünfzig Augenpaaren gleichzeitig angestarrt werde, als hätte ich vergessen, dass Kleidung außerhalb des Strandes tatsächlich ein Konzept ist.
Verdammt noch mal.
Und während ich hier so stehe, inmitten eines Raumes voller Menschen, die offensichtlich alle das Memo für angemessene Kleidung erhalten haben, frage ich mich, womit ich eigentlich gerechnet habe. Ein Lächeln. Ein freundliches Willkommen. Ein Schild mit meinem Namen darauf. Ein Empfang, der mir sagt, dass ich schon erwartet werde.
Tja. Stattdessen habe ich nur die Erkenntnis gewonnen, dass ich die am schlechtesten gekleidete Praktikantin bin, die je einen Fuß in dieses Gebäude gesetzt hat.
»Ähmmmm… kann ich Ihnen helfen?«
hörte ich plötzlich eine Stimme, so scharf und streng, dass sie mich aus meinen Gedanken riss wie ein kalter Schwall Wasser mitten ins Gesicht.
Ich drehe mich um und starre eine Mitarbeiterin an, die mich ansieht, als wäre ich ein entlaufenes Strandwesen, das sich aus Versehen in die heiligen Hallen der Bürokratie verirrt hat. Ich zwinge ein Lächeln auf meine Lippen, das wahrscheinlich aussieht wie das einer Meerjungfrau, die zum ersten Mal menschlichen Kontakt erlebt und nicht weiß, ob sie winken oder fliehen soll.
»Hallo. Ich bin Nayara Di Luna und ich habe eine Stellenausschreibung für ein Studentenpraktikum von Ihnen gefunden.«
Ich räuspere mich, ziehe meine Schultern nach hinten und versuche verzweifelt, seriös auszusehen, obwohl ich hier stehe, als sei ich geradewegs aus einer Aperol Spritz Werbung entlaufen.
»Leider stand auf dem Zettel nicht, wann das Vorstellungsgespräch stattfindet. Und es stand auch nicht drauf, dass ich mich bewerben muss, sondern nur, dass ich persönlich erscheinen soll.«
Ich versuche, meine Stimme fest klingen zu lassen, während ich innerlich dafür bete, dass mein Bikini Oberteil nicht gerade beschließt, sich eine neue Position zu suchen, denn die Frau vor mir starrt unverhohlen zuerst auf meine Brüste, dann meinen Beach Look und dann wieder auf mich, als hätte ich hier gerade einen Dresscode Mord begangen.
Sie hebt eine Augenbraue. Eine.
Und diese eine Augenbraue hat mehr Urteilskraft als ein ganzes Gericht.
Sie sieht aus wie eine besonders strenge Bibliothekarin, die mir jederzeit zutrauen würde, ein Buch falsch einsortiert zu haben.
»Zu allen Stellenausschreibungen muss man sich bewerben. Und Sie haben sich gedacht, Sie kommen… so?«
Sie zeigt mit einem steifen Finger direkt auf meinen Bikini, als wäre ich ein Tatort und sie die Ermittlerin, die herauszufinden versucht, wie dieses Modeverbrechen geschehen konnte.
Ich atme durch und setze mein allerbestes Ich bin ein süßes Engelchen Lächeln auf.
»Nuuuuuun jaaa« sage ich gedehnt, während ich versuche, meine Würde zusammenzukratzen.
»Ich war selbst überrascht, dass das alles so unkompliziert klang. Und da ich keine weiteren Informationen hatte, dachte ich, ich komme einfach vorbei und frage nach.«
Ich klimpre mit meinen Wimpern, in der verzweifelten Hoffnung, vielleicht ein bisschen diesen Stock zu lockern, den sie offenbar im Rückenmark mit sich herumträgt.
Sie blinzelt langsam, so langsam, dass ich kurz Angst bekomme, sie sei gerade in einen inneren Bürokratie Dämmerschlaf gefallen. Dann fährt ihr Blick wieder über mein Outfit und ihre Miene verzieht sich auf eine Weise, die ich nur beschreiben kann als heiliges Entsetzen.
»Ist es nicht etwas zu kalt für einen Strandbesuch? Wir haben November« fragte sie schließlich und dieses Mal war ich diejenige, die blinzelte, als hätte mir jemand gerade eine mathematische Gleichung ins Gesicht geschrieben.
»Wir hatten siebzehn Grad und es war sonnig. Und es war auch viel los am Strand« murmelte ich und starrte sie an, als wäre sie verrückt, dass sie das nicht wusste. Siebzehn Grad sind absolut Strandtemperatur. Zumindest für mich. Und für die fünfzig Leute, die neben mir lagen und so taten, als sei es Juli.
Die Frau schürzte die Lippen zu einer Linie, die so schmal war, dass sie wahrscheinlich als Lineal durchgehen könnte.
»Tut mir leid, Signorina, aber ich glaube, das Rathaus ist nicht das Richtige für Sie« sagte sie streng, drehte sich um und marschierte einfach davon, als hätte sie mich wie ein unerwünschtes Werbeprospekt abgeheftet.
Ich stand da, vollkommen empört, und meine Augen wurden so groß wie zwei überfahrene Muscheln.
»Eyyyyy! Kommen Sie zurück« brummte ich genervt, wobei meine Stimme durch die Halle schallte und wenigstens fünf weitere Köpfe sich nach mir umdrehten. Fantastisch. Ganz toll. Ich ignoriere das einfach. Dieses Mal. Vielleicht.
Ich stapfte ihr hinterher, meine Strandtasche schlagend an meiner Hüfte, als würde sie demonstrieren, wie wütend ich bin.
»Wie wollen Sie wissen, ob das Büroleben nichts für mich ist« brummte ich hinter ihr her, ohne Rücksicht darauf, dass ich mich gerade benehme wie ein laut protestierender Chihuahua mit Sonnencreme im Fell.
Sie ignorierte mich. Komplett.
Wie ein Mensch, der trainiert ist, Emotionen zu hassen.
Also legte ich noch einen drauf.
»Nur weil ich einen Strandbesuch hatte und alles stehen und liegen gelassen habe, um hierher zu kommen und nachzufragen, heißt das ja wohl noch lange nicht, dass das nichts für mich wäre« rief ich, viel lauter als nötig.
Ich warf dramatisch die Hand in die Luft, als stünde ich in einem Theaterstück, das die Welt retten wollte.
»Ich würde sogar sagen, dass ich ziemlich engagiert und sehr zielstrebig bin« fügte ich hinzu, während ich zu ihr aufschloss und mich neben sie stellte wie ein besonders hartnäckiger Papagei.
Sie blieb abrupt stehen.
Ich wäre fast in sie hineingelaufen, hielt aber in letzter Sekunde an wie ein Auto mit quietschenden Reifen.
Langsam drehte sie sich zu mir um.
Ihr Blick wanderte erneut über mein Bikini Oberteil, das eigentlich unschuldig glitzerte, aber in ihren Augen vermutlich als Beweis dafür galt, dass ich absolut ungeeignet für jede Art von Arbeit war.
Ich hob meine eigenen Augenbrauen so hoch, dass ich mich wunderte, dass sie nicht einfach davonflogen. Meine Hände wanderten automatisch an meine Hüften, ein unbewusster Reflex, als würde ich hier gerade um mein verdammtes Überleben kämpfen. Und ich stand hier halbnackt und mit der emotionalen Stabilität einer überbelegten Strandliege.
Doch dann geschah etwas.
Etwas, das meine Haut prickeln ließ.
Etwas, das nicht menschlich wirkte.
Ich spürte eine Präsenz hinter mir.
Ein Ziehen, ein Knistern, ein Schauer entlang meiner Wirbelsäule.
Ich drehte mich um, suchte mit meinen Augen durch die Menge, aber es waren viele Menschen im Foyer und ich war einen Moment lang völlig überfordert davon, herauszufinden, wer oder was diese seltsame Energie ausstrahlte.
Und dann sah ich ihn.
Ich blieb stehen.
Ich erstarrte.
Ich erstickte fast an meiner eigenen Atmung.
Ich blieb an einem Paar Augen hängen, die so dunkel waren, dass sie im Licht des Foyers fast schwarz wirkten. Augen, die mich direkt ansahen, ohne zu blinzeln, ohne zu zögern, als hätte er mich schon erwartet.
Ich konnte ihn nicht loslassen. Und er mich auch nicht.
Das war kein Mann.
Also technisch gesehen vielleicht schon, aber das hier war kein gewöhnliches Exemplar der Spezies Homo sapiens. Ich sah auf schwarzes Haar, das perfekt fiel, ohne dass ein Windstoß es hätte durcheinanderbringen können. Sein Gesicht war scharf geschnitten, sündhaft schön und ließ meine Knie kurz schwach werden. Und seine Statur. Gott im Himmel. Dieser Typ war riesig. Ein Gigant. Und ich bin in Italien. Hier sind Männer normalerweise… wie sage ich das nett… horizontal besser ausgestattet als vertikal.
Aber dieser Mann sprengte jede Skala.
Er trug einen Anzug, der so teuer und so perfekt geschnitten war, dass ich schwören konnte, er war aus Schatten und sündhafter Dunkelheit direkt an seinem Körper gewoben worden. Wenn ich die Dunkelheit selbst jemandem zuordnen müsste, dann wäre er es. Dieser Mann stimmte absolut nicht mit dem Ambiente eines Rathauses überein. Aber gut, ich tat das auch nicht. Wir waren zwei Wesen, die hier absolut fehl am Platz waren.
»Hallloooo« hörte ich plötzlich die genervte Stimme der Frau neben mir und ich zuckte zusammen, bevor ich mich wieder zu ihr drehte.
Sie sah mich an, als hätte ich in der Wartehalle einen Striptease angekündigt.
»Entschuldigung, aber Mr. Sexy und Dunkel da hinten hat mich ein wenig aus der Fassung gebracht« sagte ich völlig ernst, als wäre das die logischste Erklärung der Welt.
Die Frau starrte mich an, als wäre ich in einem fortgeschrittenen Stadium des Wahnsinns angekommen. Und ehrlich gesagt, ich konnte es ihr nicht einmal verübeln. Ich fühlte mich selbst leicht verrückt.
Sie drehte sich um, suchte die Halle mit ihren Augen ab, ließ ihren Blick überall kreisen und sah mich dann wieder an.
»Sehen Sie jetzt Geister?« fragte sie genervt, die Stirn in tiefe Falten gelegt, als hätte ich soeben behauptet, mit Delfinen kommunizieren zu können.
Ich drehte mich wieder um und sah ihn immer noch dort stehen.
Unverschämt attraktiv.
Unverschämt ruhig.
Unverschämt schwarz gekleidet.
Und immer noch mit diesen dunklen Augen fest auf mich gerichtet.
Ich drehte mich wieder zur Frau zurück und hob die Hände, als wäre das gerade ein sehr ernstes medizinisches Problem.
»Brauchen Sie vielleicht eine Brille? Wie kann man diesen Mann übersehen?« fragte ich und wedelte in seine Richtung, als würde er gleich vom Gesundheitsamt abgeholt werden.
Die Frau verengte ihre Augen zu gefährlichen Schlitzen, als würde sie überlegen, mich entweder rauszuwerfen oder selbst zum Augenarzt zu gehen.
Und da fiel mir wieder ein:
Ich bin direkt.
Ich habe keine Geduld.
Und ich war ungefähr drei Sekunden davon entfernt, eine Szene zu verursachen, die wahrscheinlich viral gehen würde.
»Haben Sie mich gerade beleidigt?« fragte sie fassungslos, die Augen weit geöffnet, die Hände schockiert an die Brust gepresst, als sei ich ein Naturereignis, das man so schnell nicht wieder vergisst.
Ich stöhnte laut und völlig unbeeindruckt auf, als müsste ich mich dazu zwingen, ihr überhaupt eine Antwort zu geben.
»Ja« sagte ich mit derselben Energie wie jemand, der seit Tagen zu wenig Schlaf hatte. »Sie brauchen eine Brille und einen Crash Kurs im Bereich Sozialfähigkeit und Fingerspitzengefühl. Buchen Sie sich am besten einen Urlaub, irgendwo, wo Sie von sexy Männern durchgeknetet werden, damit Sie diesen Stock endlich aus Ihrem Arsch bekommen.«
Ich sagte es laut.
Sehr laut.
So laut, dass drei Leute an der Rezeption gleichzeitig den Kopf hoben und ein älterer Herr plötzlich sehr interessiert tat, als würde er zufällig vorbeikommen, obwohl er eindeutig stehen geblieben war, um zuzuhören.
Die Kinnlade der Frau glitt nach unten, langsam, ganz langsam, wie in Zeitlupe, bis sie irgendwo auf Brusthöhe angekommen war. Ich war mir nicht sicher, ob sie Atemprobleme bekam oder einfach nur starb. Mental zumindest.
Ich drehte mich weg, noch bevor sie sich entscheiden konnte, ob sie mich anschreien oder exmatrikulieren wollte, und stapfte zur Tür, als hätte der Boden mir persönlich etwas angetan.
»Wäre ich doch nur weiter am Strand geblieben« brummte ich laut, sehr laut, absichtlich laut, sodass mich jeder hören konnte, der heute Langeweile hatte oder Gossip liebte. Und ganz ehrlich, ich war jetzt offiziell das Highlight dieses Tages im Rathaus.
Meine Geduld war komplett aufgebraucht, restlos verdampft, einfach zu Staub zerfallen. Es war nicht mehr ein kleines Geduldskorn übrig. Nichts. Nada.
Ich stapfte aus dem Rathaus, meine Strandtasche schlug gegen meine Hüfte, mein Bikini funkelte im Sonnenlicht und ich sah wahrscheinlich aus wie eine wütende Meerjungfrau, die beschlossen hatte, die Landwelt zu hassen. Und ja, ich versuchte krampfhaft, nicht wieder nach hinten zu schauen.
Nicht zu Mr. Dunkel.
Nicht zu diesem unverschämt attraktiven Riesen von einem Mann, der mich so intensiv angesehen hatte, dass ich mich fast selbst angefasst hätte. Wenn ich ihn jetzt noch einmal ansehe, bespringe ich ihn wirklich. Wortwörtlich.
Ich trat vor die Tür, atmete tief durch, spürte die warme Brise und fragte mich ernsthaft, wie um alles in der Welt ein ganz normaler Tag am Strand zu… diesem geworden war.








