Kapitel 1 – Schatten über Elyndra
» Isabelle
Elyndra erwachte wie eine Maschine.
Der Himmel über der Stadt war bleigrau, in den Straßen glitten schwarze Wagen lautlos über nassen Asphalt. Hochhäuser warfen kaltes Licht in die Fenster des alten Wayland Anwesens, das am Rand des Regierungsviertels thronte, ein Haus, das einst nach Familie gerochen hatte und jetzt nur noch nach Ordnung und Parfum.
Isabelle stand am Fenster ihres Zimmers, den Vorhang leicht zur Seite geschoben. Unter ihr eilten Angestellte durch den Garten, trugen Blumenkörbe, Tabletts, Kristall. Vorbereitungen für irgendein Dinner, das nicht ihres war.
Sie nahm einen Schluck kalten Tee, stellte die Tasse ab und zwang sich, nicht an ihre Mutter zu denken. Heute würde es nur wieder wehtun.
Schritte auf dem Flur.
Camilles Absatzklackern war so unverkennbar wie der Ton, der danach folgte: „Isabelle, du bist immer noch nicht fertig?“
Die Tür öffnete sich, bevor Isabelle antworten konnte.
Ihre Stiefmutter trat ein, in einem grauen Seidenkleid, jedes Haar an seinem Platz, das Lächeln so perfekt, dass es schneidend wirkte.
„Du weißt, dass Raphael heute kommt. Ich möchte nicht, dass du wieder so blass wirkst.“
Isabelle drehte sich langsam um. „Ich wusste nicht, dass es mich betrifft.“
„Natürlich betrifft es dich. Schließlich geht es um deine Zukunft.“
„Meine oder deine?“
Camilles Augen verengten sich kaum merklich. „Denk daran, was dein Vater von dir erwartet.“
Das Wort Vater blieb kurz im Raum hängen, warm in ihrem Herzen, kalt in ihrer Wirklichkeit.
Er saß, wie immer, im Arbeitszimmer. Sie sah ihn kurz später dort: der Rücken leicht gebeugt, die Zeitung in der Hand, das Gesicht müde.
„Vater?“
Er blickte auf, ein Anflug von Lächeln, der gleich wieder verschwand. „Camille sagte, du sollst dich heute zeigen. Raphael ist ein guter Mann. Vernünftig.“
„Ich weiß.“
Mehr sagte keiner von beiden.
Mittags roch das Haus nach poliertem Holz und teurem Essen.
Eloise kam die Treppe hinauf, das Telefon am Ohr, kichernd.
„Er freut sich schon auf heute Abend“, sagte sie in den Hörer, ohne Isabelle anzusehen. „Sie wird sicher wieder versuchen, brav zu wirken.“
Dann flüsterte sie etwas, das Isabelle nicht verstand, aber das Lachen dahinter war laut genug.
Isabelle zog die Tür zu.
Sie atmete tief ein, hielt den Blick auf die alten Fotografien an der Wand.
Das Lächeln ihrer Mutter.
Das Kleid aus weißer Spitze, die Sommerluft.
So sah Liebe aus, bevor Camille Hopkins sie ersetzt hatte.
Der Nachmittag zog sich.
Regen kroch über das Glas, und das Licht im Zimmer wurde weicher.
Isabelle saß an ihrem Schreibtisch, zeichnete flüchtig Skizzen von Gebäuden, nur um die Hände zu beschäftigen. Sie hatte BWL studiert, weil ihr Vater es wollte, aber in Wahrheit liebte sie Linien, Räume, Stille.
Ein leises Klopfen riss sie aus dem Gedanken.
Jia Penhallow steckte den Kopf herein, dunkles Haar, leicht zerzaust, eine Regenjacke über den Schultern.
„Ich wollte nur sehen, ob du lebst. Deine Stiefmutter hat unten eine Generalprobe für den Himmel auf Erden laufen.“
Isabelle lächelte. „Ich weiß.“
Jia trat ein, ließ sich aufs Bett fallen. „Eloise hat mir gerade erzählt, dass sie angeblich das perfekte Kleid für dich ausgesucht hat. Ich hoffe, es glitzert wenigstens.“
„Sie wird schon dafür sorgen, dass ich verschwinde, bevor jemand es sieht.“
Jia richtete sich auf. „Willst du wirklich zu dem Dinner gehen?“
„Ich habe keine Wahl.“
„Dann geh mit erhobenem Kopf. Tu so, als hättest du ihn selbst eingeladen.“
Isabelle nickte leise. „Das sagst du so einfach.“
„Ich sag das, weil du’s vergessen hast: Du bist eine Wayland, nicht ihre Angestellte.“
Jia blieb noch einen Moment, dann verschwand sie wieder in den Regen.
Am Abend füllte sich das Haus mit Stimmen.
Kellner liefen durch den Salon, Kristallgläser klangen aneinander, und Isabelle trug das Kleid, das Camille für sie ausgesucht hatte: elfenbeinfarben, schlicht, fast zu schlicht.
Camille musterte sie einmal von Kopf bis Fuß. „Das reicht. Versuch bitte, dich zurückzuhalten, wenn Raphael über seine Arbeit spricht.“
Isabelle nickte, sagte nichts.
In ihr spannte sich etwas, eine dünne Saite, kurz vorm Reißen.
Als die Gäste kamen, flutete Licht den Raum.
Elyndras einflussreichste Gesichter lächelten, prosteten, lobten den Abend.
Raphael Santiago trat ein, charmant, korrekt, die Hände in den Taschen seines Maßanzugs.
Er küsste Camilles Hand, begrüßte ihren Vater, wandte sich dann Isabelle zu.
„Miss Wayland.“
„Raphael.“
„Ich hoffe, Sie sind bereit für einen langen Abend.“
„Ich bin es gewohnt.“
Sein Lächeln blieb höflich, nicht mehr.
Sie wusste, dass diese Ehe für beide Seiten ein Vertrag war, Geld, Namen, Verbindungen. Kein Herz.
Während sie sich zu Tisch setzten, glitt ihr Blick unwillkürlich zum Fenster.
Draußen sammelten sich Wolken über der Stadt, und das Licht der Straßenlaternen brach sich im Regen zu silbernen Linien.
Camilles Stimme durchbrach die Stille. „Isabelle, Raphael wird morgen in den Aurelion Tower eingeladen. Es wäre schön, wenn du ihn begleitest. Eine Familie sollte sich zeigen.“
Isabelle hob kaum den Blick. „Natürlich.“
„Ich wusste, du wirst dich vernünftig verhalten.“
Sie trank einen Schluck Wein, schmeckte kaum etwas.
Das Gespräch um sie drehte sich weiter, Geschäfte, Kontakte, Zahlen.
Alles, was sie nicht fühlte.
Und irgendwo in ihr wuchs ein stiller Wunsch:
Einmal, nur ein einziges Mal, aus dieser Stadt hinauszugehen, bevor sie sie ganz verschlang.
Als der Abend endete, war es spät.
Camille verabschiedete die letzten Gäste, Eloise lachte noch im Foyer.
Isabelle blieb auf der Treppe stehen, beobachtete sie einen Moment, dann ging sie nach oben.
Das Kleid roch nach Parfum, nach einem Leben, das nicht ihres war.
Sie hängte es an die Tür, zog das Medaillon aus der Schublade und öffnete es.
Das Gesicht ihrer Mutter lächelte still aus dem kleinen Rahmen.
„Ich halte durch, Mama“, flüsterte sie.
„Nur noch ein bisschen.“
Draußen zuckte ein Blitz.
Ein erster Donner rollte über die Stadt.
Elyndra atmete im Rhythmus des Sturms und Isabelle wusste nicht, dass dieser Regen der Beginn von allem sein würde.








