PROLOGUE
KAIA
Vor sieben Jahren
Ich richte den Gurt meiner abgenutzten Stofftasche und blicke noch einmal über den Lagerfeuerplatz. Die Flammen werfen tanzende Schatten auf die Gesichter meiner Rudelkameraden, aber ich nehme sie gar nicht mehr richtig wahr. Ich muss ständig daran denken, wie Vincent vorhin meine Hand hielt. Wie sein Daumen Kreise auf meinen Handrücken malte, während wir durch den Wald spazierten.
„Du strahlst ja richtig“, flüstert meine Freundin Talia und stößt mich leicht an. „Vincent Lopez hat diese Wirkung auf dich, oder?“
Mir schießt die Röte ins Gesicht. Eine Omega wie ich sollte eigentlich nicht die Aufmerksamkeit des Alpha-Erben erregen. Als Vincent mich vor drei Wochen bei der Rudelversammlung das erste Mal ansprach, hielt ich es für ein Versehen. Alphas beachten Omegas normalerweise nur, wenn etwas geschleppt oder geputzt werden muss.
Aber Vincent kam immer wieder zurück. Er brachte mich von der Schule nach Hause, obwohl er schon lange seinen Abschluss hatte. Er setzte sich im Speisesaal des Rudelhauses zu mir, während seine üblichen Freunde – künftige Betas und ranghohe Wölfe – uns verwirrte Blicke zuwarfen.
„Ich kann es immer noch nicht glauben“, murmle ich und beobachte ihn auf der anderen Seite des Feuers. Er lacht mit Trent, seinem künftigen Gemma. Die beiden stecken die Köpfe über etwas zusammen. Das Feuerlicht betont die scharfen Linien seines Kiefers, und in meinem Bauch kribbelt es. Mit einundzwanzig Jahren besitzt Vincent bereits eine Autorität, für die andere Wölfe ein Leben lang brauchen. Sein Wolf ist so mächtig, dass die anderen Rudelmitglieder seine Präsenz regelrecht spüren können. Sogar fremde Alphas behandeln ihn wie einen Gleichgestellten, nicht wie einen bloßen Erben.
„Glaub es ruhig“, sagt Talia. „Du bist seine Gefährtin, Kaia. Das sieht doch jeder blind.“
Gefährtin. Bei diesem Wort rast mein Herz. Ich habe von einem Gefährten geträumt, seit ich alt genug war, um dieses Band zu verstehen. Aber ich hätte nie gedacht, dass es jemand wie Vincent sein würde. Jemand, der im Rang so weit über mir steht, dass es sich anfühlt, als würde ich nach dem Mond greifen.
„Ich sollte gehen“, sage ich, stehe auf und klopfe mir den Dreck von der Jeans. „Mama erwartet mich vor Mitternacht zu Hause.“
Talia nickt, aber ihre Aufmerksamkeit wandert bereits zu einer Gruppe jüngerer Wölfe, die am Rand des Platzes ein Trinkspiel machen. Ich gehe um das Feuer herum und will mich von Vincent verabschieden, aber er und Trent sind schon weg. Sie müssen wohl bereits aufgebrochen sein. Ich laufe in Richtung Waldrand, wo mein alter Honda parkt. Hier im Wald ist es ruhiger, weit weg vom Lachen und der Musik.
Ich bin fast bei meinem Auto, als ich vor mir Stimmen höre. Tiefe Männerstimmen, die von den Parkplätzen kommen. Ich bleibe am Waldrand stehen und erkenne Vincents markantes Lachen.
„... hab dir doch gesagt, dass sie leicht zu haben ist“, sagt Trent gerade. Mir zieht sich der Magen zusammen. „Eine Omega wirft sich jedem an den Hals, wenn der Alpha-Erbe nur mit dem Finger schnippt.“
Ich trete hinter eine dicke Kiefer. Mein Herz hämmert gegen meine Rippen. Sie können nicht über mich reden. Das ist unmöglich.
„Hier.“ Es raschelt, als würde Papier den Besitzer wechseln. „Deine hundert Dollar. Obwohl ich immer noch finde, dass du dir was Besseres hättest suchen können als so eine Omega-Niemand.“
„Die Wette war, den erbärmlichsten Wolf im Rudel zu verführen“, schneidet Vincents Stimme wie Eis durch die Nachtluft. „Kaia Dawson ist da definitiv die beste Wahl.“
Die Worte treffen mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ich presse den Rücken gegen die raue Baumrinde und ringe nach Luft. Eine Wette. Alles war nur eine Wette.
„Trotzdem“, fährt Trent fort, „ihr die Jungfräulichkeit zu nehmen, war vielleicht etwas zu viel des Guten. Du hattest deinen Punkt schon vor Wochen bewiesen.“
„Ich wollte eben gründlich sein.“ Vincents Tonfall ist lässig, fast gelangweilt. Als würden wir über das Wetter reden und nicht über die Zerstörung meines Herzens. „Außerdem ist sie im Bett gar nicht mal so übel. Für eine Omega.“
Beide lachen, und bei dem Geräusch steigt mir Galle in die Kehle. Ich presse eine Hand auf meinen Mund, um kein Geräusch zu machen und mich nicht zu verraten.
„Dein Vater würde ausrasten, wenn er wüsste, dass du dich mit Dawson-Abschaum abgegeben hast“, sagt Trent.
„Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Und es ist ja nicht so, als würde ich sie behalten. Ich habe, was ich wollte – den Beweis, dass ich jeden Wolf in diesem Rudel dazu kriege, Männchen zu machen. Sogar den Bodensatz.“
Meine Beine geben nach. Ich rutsche am Baumstamm herunter, bis ich im Dreck sitze. Mein ganzer Körper bebt. Drei Wochen voller heimlicher Küsse und geflüsterter Versprechen. Wochen, in denen ich mich besonders, gewollt und geliebt fühlte. Alles nur gelogen.
„Wollen wir zurück?“, fragt Trent.
„Ja. Obwohl ich sie wohl erst noch suchen muss. Ich muss ihr irgendeine Ausrede auftischen, warum ich diese Woche keine Zeit habe. Nicht, dass sie am Ende noch denkt, ich meine es ernst.“
Ihre Schritte entfernen sich in Richtung Lagerfeuer, aber ich bleibe wie versteinert am Baum sitzen. Tränen laufen mir übers Gesicht – heiß, voller Wut und Demütigung. Ich war so dumm. Ich wollte unbedingt glauben, dass jemand wie Vincent wirklich jemanden wie mich wollen könnte.
Als ich es endlich zu meinem Auto schaffe, sind meine Tränen getrocknet. Zurück bleibt ein hartes Gefühl, das in meiner Brust brennt wie geschlucktes Glas. Ich starte den Motor und fahre über die kurvigen Bergstraßen nach Hause. Meine Hände liegen ruhig am Lenkrad, obwohl meine Welt gerade in Scherben liegt.
Mama wartet in der Küche, als ich zur Tür reinkomme. Sie sieht mich nur einmal an und stellt ihre Teetasse ab.
„Was ist passiert?“
„Nichts.“ Die Lüge schmeckt bitter. „Es ist alles okay.“
Sie mustert mich lange. Ihre blauen Augen, die genau wie meine aussehen, sind voller Sorge. „Kaia ...“
„Ich habe gesagt, es ist alles okay.“ Ich gehe zur Treppe, aber ihre Stimme hält mich auf.
„Du musst es mir nicht sofort sagen“, sagt sie leise. „Aber ich bin da, wenn du bereit bist. Immer.“
„Ich weiß.“ Mein Hals schnürt sich zu. „Ich muss jetzt einfach ... ich muss allein sein.“
Sie nickt langsam. Ich sehe ihr an, wie schwer es ihr fällt, nicht nachzubohren. „In Ordnung. Aber Kaia? Wer auch immer dir dieses Gefühl gegeben hat – er hat Unrecht mit dem, was er über dich denkt. Hörst du mich?“
Ich traue mich nicht zu antworten. Ich nicke nur und steige die Treppe hinauf.
In meinem Zimmer setze ich mich aufs Bett und starre in den Spiegel meiner Kommode. Dieselben gewöhnlichen schwarzen Haare, dasselbe unscheinbare Gesicht. Derselbe Omega-Geruch, der mich in den Augen aller als minderwertig brandmarkt. Was habe ich erwartet? Dass Vincent Lopez sich wirklich in jemanden wie mich verliebt?
Ich nehme mein Handy und fange an, ihm eine Nachricht zu schreiben, dann lösche ich sie wieder. Ich tippe noch eine und lösche auch die. Was gibt es schon zu sagen? Dass ich die Wahrheit kenne? Dass er etwas in mir kaputtgemacht hat, von dem ich nicht mal wusste, dass es zerbrechen kann?
Stattdessen klappe ich meinen Laptop auf und suche nach Unis. Weit weg von hier. Weit weg vom Territorium der Moonfang und von Alpha-Erben, die gebrochene Herzen wie Trophäen sammeln.
Am Morgen habe ich drei Bewerbungen ausgefüllt. Bis Ende der Woche werde ich weg sein.