Kapitel 1 - Kaugummi unter Pappeln
So also fühlte sich der Moment der Wahrheit an.
Wir saßen bei Yvi auf der Couch. Die Sonne war bereits untergegangen.
“Erzähl’s mir”, bat sie mich und lehnte sich ein wenig zu mir herüber, nicht aufdringlich, eher als wollte sie mir Nähe und Schutz bieten. Eine Schulter zum Anlehnen. Ich spürte, wie mein Herz ein bisschen schneller schlug, nicht nur wegen der Erinnerung.
Ich räusperte mich und spielte mit dem kleinen Ring an meiner linken Hand. Schmucklos, schlicht elegant, silbern - Hafen und Rettungsboot in einem.
Sie wartete. Ruhig, entspannt. Ihr Atem war nur ein schwaches Echo in dem erstickend stillen Raum. Aber ich wusste, es war Zeit. Yvi brauchte die Frage nicht stellen, die ich ihr beantworten musste. Vielleicht hatte sie sie längst gestellt - in ihrem Blick, der mich suchte.
“Ich ging mit ihr zur Schule”, sagte ich mit trockener Zunge und schluckte schwer.
“Sandy?”
“Ja, so heißt sie... Die Person, die alles veränderte.”
Sie nickte, ohne mich anzusehen. Es war leichter, wenn sie mich nicht berührte und einfach bei mir war. Nur da. Ihre Berührung lenkte mich zu sehr ab, ließ mich zuviel wollen.
“Sandy und ich teilten einige Kurse, besonders im letzten Schuljahr. Vorher hatten wir nicht zur gleichen Clique gehört, obwohl wir uns hin und wieder über den Weg gelaufen sind. Eines Tages hatte Fran sie angeschleppt.”
Die entstandene Pause fühlte sich länger an, als sie war. Ich sprach nicht gern über meine Schulzeit. Ungelenk, modeblind und mit einer Vorliebe für Naturwissenschaften fiel ich damals total aus dem Raster.
“Welches war dein Lieblingsfach?”
Yvi’s Worte klangen schwerelos in den zähflüssigen Erinnerungen, die ich aus meinen Eingeweiden fischte.
Ich musste lächeln, obwohl mir nicht danach war.
“Chemie”, sagte ich schließlich. “Aber nicht wegen der Experimente oder weil ich in diesem Bereich arbeiten wollte.”
“Sondern?”
“Weil Frau Borovic meine Lehrerin war. Sie hat Wissen lebendig gemacht. Mit ihrer Leidenschaft für Elemente und Tabellen. Aber sie hat nicht nur unterrichtet. Sie hat uns ernst genommen. Als hätte sie uns verstanden. Mehr als wir selbst.”
Yvi schwieg. Hörte zu, ohne zu unterbrechen, ohne vorschnelle Fragen. Sie schaffte Raum, den sie nicht um jeden Preis selbst füllen wollte.
“Sandy war damals zu leise. Weißt du, was ich meine?”
Ich drehte den Ring an meinem Finger noch einmal. Jetzt war der Moment, wo die Vergangenheit sich anschlich, mit tastenden Schritten, aber schwerem Gewicht. Den Blick im Halbdunkel der Wohnung auf meine Hände gerichtet, wusste ich, dass Yvi nickte.
“Ich mochte sie nicht. Am Anfang. Sie stand auf Basketball und war unglaublich dünn. Man hatte immer Angst, dass sie zerbrechen könnte, wenn sie sich bewegte. Irgendwas mit der Schilddrüse. Hab ich später erfahren”, erzählte ich weiter.
Als würdigte sie den Moment der Offenbarung, warf die kleine elektrische Kerze ihr unruhig flackerndes Licht auf den Bilderrahmen mit dem Hochzeitsfoto von Yvis Schwester. Das Bild stand in keinem Bezug zu Sandy oder mir, aber es sagte alles über die innige Verbindung zwischen zwei Menschen aus. Liebe.
Yvi folgte meinem Blick, sagte aber nichts.
Vielleicht dachte sie an das letzte Gespräch mit ihrer Schwester, vielleicht auch an gar nichts, ließ meine Erinnerung nur wirken wie ein leises Glockenspiel im Hintergrund, das nicht stört, aber bedeutsam ist.
Noch wusste ich nicht, wie weit ich gehen konnte, ob sie das hören wollte oder ob ich mich irrte. Mich komplett zum Narren machte. Aber ich spürte, dass ich weitermachen musste. Für mich.
Wie auch immer sie danach zu mir stand. Wie sie mich dann sah.
“Ich war zu der Zeit mit Titus zusammen. Blond, blauäugig und athletisch. Bei der freiwilligen Feuerwehr. Ich habe dir doch von ihm erzählt...”
Statt zu antworten, drehte sie sich zu mir um, zog ihre Füße auf die Couch und unter sich. Sie schaute mich an, ohne etwas zu sagen, aber in ihrem Blick lag kein Urteil. Vielleicht nur ein Hauch von Vorsicht. Oder von Ahnung.
“Der Tag, nachdem Titus mir gestand, dass er fremdging - mit meiner Cousine. Ausgerechnet Sandy war da, als ich zusammenbrach.”
Ein tiefes Luftholen breitete sich wie eine Decke über mir aus. Keine Ahnung, ob es von mir oder von Yvi kam. Ich schloss die Augen für eine Sekunde - als würde mir das helfen, die richtigen Worte zu finden, bevor ich weitersprach.
“Ich saß auf dem Boden im Flur vor dem Physiklabor, mein zweitliebstes Fach und Herr Thaley war auch klasse”, vermied ich den direkten Weg. Ausweichen - die charmante Art des Selbstschutzes oder die feige. Vermutlich nur feige.
Keine Regung. Nur Geduld.
“Ich habe sie erst gar nicht bemerkt. Es herrschte Totenstille in den Gängen. Das war mein Lieblingsmoment an jedem Schultag”, schlich ich mich an den Kern der Sache heran. “Plötzlich war sie einfach da. Keine Floskel. Kein Mitleid. Kein geheucheltes Oh-was-ist-denn-passiert.”
Ich seufzte und es hallte durch den Raum, als wäre die Welt mit einem Mal viel größer oder ich viel kleiner geworden.
“Sandy hockte sich direkt vor mich. Mit beiden Händen hob sie mein Gesicht an und betrachtete mich. Nicht meine verquollenen Augen, sondern mein gebrochenes Herz, das irgendwo in meinen Bauch gerutscht war, weil es sich in meiner Brust nicht mehr sicher fühlte”, fuhr ich fort. “Und sie - still wie immer. Aber vollkommen bei mir.”
Ich schluckte, fuhr mit dem Daumen über die Innenseite des Rings, als könnte ich darin etwas spüren, was mir entglitten war.
“Dann stellte sie sich hin und hielt mir beide Hände entgegen. Kein Ton, nur die stumme Aufforderung, ihr zu vertrauen. In ihren Augen lag so viel Entschlossenheit und Ruhe. Sie wirkte unheimlich alt, weise”, sagte ich und hörte meine eigene Verwunderung.
Ich lehnte mich an und legte den Kopf in den Nacken. Die Lehne der Couch war mit einer flauschigen Decke überzogen, die nach Weichspüler roch, und ein wenig nach Yvi.
Trost. Ein Geruch - wie Sonntage ohne Verpflichtungen.
“Ich hab’ ihre Hände genommen. Ohne zu zögern”, fuhr ich schließlich leise fort. “Ich weiß noch, wie warm sie waren. Und wie fest. Nicht hart oder knochig, nicht drückend – aber so, dass ich nicht das Gefühl hatte, gleich wieder umzufallen. Gar nicht zerbrechlich.”
Das leise Rascheln von Baumwollstoff. Yvi umschlang ihre Beine mit den Armen. Noch ein paar Sätze weiter und sie würde ihr Kinn darauf ablegen. Das tat sie immer, wenn sie versuchte, die emotionale Last mitzutragen. Ich sah es aus dem Augenwinkel. Dieses kleine, stille Zeichen von ihr – nicht aufdringlich, nicht dramatisch. Nur präsent. Echtes Zuhören, das sich wie ein schützender Mantel um meine brüchige Erinnerung legte.
Meine Stimme stockte, wurde rau. Stolperte.
“Sie hat mich rausgeführt. Kein Ziel. Kein Plan. Nur raus”, rasselte ich herunter, aus Furcht, den Mut zu verlieren.
Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. “Über den Innenhof und durch das Gras am äußeren Rand. Ich weiß noch, wie feucht es war. Und dass ich das Gefühl hatte, nicht atmen zu können.”
Ich machte eine kurze Pause, nicht weil ich zögerte, sondern weil ich die Bilder vor mir sah, so klar wie gestern.
Sandy. Das Gras und die alten Bäume dahinter. Mein zittriger Schritt neben ihrem festen Gang. Mein Keuchen, das nicht vom Laufen kam, sondern aus Verlust und Leid geboren war. Ein Herz, das zu langsam schlug, verwundet und beschämt.
“Unter den Pappeln lagen Baumstämme, die wie ein Miniferienlager inmitten des Alltags wirkten. Sandy setzte mich dort hin und kramte in ihrer Tasche.”
Yvi lächelte leise und strich sich die blonden, glatten Haare hinters Ohr.
“Sie holte Kaugummi hervor. Diese widerlich süßen mit dem abartig künstlichen Geschmack nach Früchten.”
Mit zwei Fingern deutete ich die Größe der Kaugummi-Kugel an, die ich mir in der Erinnerung in den Mund schob. Hellrosa. Eigentlich sogar Quietsch-Pink.
Yvi schnaubte leise - nicht spöttisch, eher als würde sie gegen ein unwillkürliches Schmunzeln ankämpfen. “Die Dinger, bei denen man nach zehn Minuten nur noch auf Krümel beißt. Die sich immer mehr auflösen und nach Eierpappkarton schmecken?”, fragte sie, sanft, mit Worten streichelnd.
“Ich hab’s genommen. Ohne was zu sagen. Und wir saßen da, kauten nebeneinander. Zehn Minuten? Eine Stunde? Ich hatte das Zeitgefühl verloren.”
Yvi lächelte kaum sichtbar. Ein Lächeln, das nicht amüsiert war, sondern verstehend.
“Ich hab in dieser Nacht nicht geweint. Nicht, als ich zuhause war. Nicht einmal, als ich allein in meinem Zimmer saß. Ich hatte alles schon dort draußen gelassen. Bei ihr”, sagte ich und spürte das erste zaghafte Brennen in meinen Augenwinkeln. Als müssten doch noch ein paar ungeweinte Tränen als Tribut an damals raus. Nicht die, die ich für Titus vergoss. Oder für mich. Sondern die für eine verwehte Freundschaft, die damals erst begann.
Zwingend. Kathartisch. Endlich.
Ich hörte, wie Yvi leise die Nase hochzog. Kein Schniefen, kein Geräusch, das Mitleid bedeutete. Eher ein stilles Begreifen.
Sie griff unter den kleinen Beistelltisch und holte die Taschentücher hervor. Sie stellte sie nicht zwischen uns, sondern auf die Lehne. Ein Angebot, aber keine Barriere.
Das war Yvi.
“Ich mache uns Tee”, sagte sie, und als sie aufstand, bewegte sich die Couch kaum, so sanft war ihr Wesen. Eins mit der Welt, feinfühlig und gebend.
Im Weggehen schwangen ihre langen Haare von einer Seite zur anderen. Sogar in diesem diffusen Licht glänzten sie wie helles Gold. Wenige weiche Schritte später hörte ich das sachte Klappern von Keramiktassen und ihr achtsames Hantieren in der Küche.
“Danke”, flüsterte ich fast tonlos in den nun leeren Raum. Meine Finger fühlten sich taub an. Trotzdem zog ich ein Taschentuch aus der Packung. Leise genug, dass Yvi es nicht mitbekommen würde. Ich tupfte meine Augen ab und steckte es in meine Hosentasche.
Als Yvi mit einem Mona-Lisa-Lächeln zurückkam, reichte sie mir die Tasse und stellte ihre auf dem Tischchen ab.
“Vorsicht, heiß“, hauchte sie dicht an meinem Ohr. Überrascht sah ich sie an. In ihren grünen Augen lag Güte und etwas Anderes. Etwas, das hoffte, ich würde weitersprechen, wenn ich meine Stimme denn wiederfand.
Nur sie konnte das - eine Umarmung ohne Gesten.
Yvi setzte sich im Schneidersitz hin und spielte mit dem Saum ihrer Hose, so, als würde sie beiläufig etwas überprüfen.
Der Dampf aus der Tasse war genauso vertraut wie es mein Lieblingspullover gewesen wäre.
“Woher...?“, fragte ich.
“Du hast es mir erzählt. Dass du Chai Latte magst. Seitdem habe ich ihn im Regal. Naja, nur für den Fall”, sagte sie und atmete tief durch.
Ich nickte, sagte nichts.
Nur für den Fall.
Deshalb wollte ich es ihr sagen. Alles. Und mehr.
Doch was kam dann?








