Fuchsfeuer

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Summary

Väino kommt unverhofft zu einem neuen Job. Als freischaffender Fotograf sind die rar gesät. Dass ihn dieser als ausgemachter Weihnachtsmuffel jedoch ausgerechnet ins finnische Weihnachtsmanndorf Rovaniemi verschlägt - das hatte er sich in seinen schlimmsten Albträumen nicht ausgemalt. Zusätzlich erschwert wird sein Job dadurch, dass Väino nur wenig später über einen hübschen, jungen Mann im Schnee stolpert. Splitterfasernackt.

Status
Complete
Chapters
12
Rating
5.0 1 review
Age Rating
16+

Iksi

Die Lichter der Mannerheimintie blendeten ihn. Instinktiv kniff Väino die Augen zusammen, doch selbst hinter geschlossenen Lidern malten die grellen Lämpchen bunte Punkte auf seine Netzhaut, dass ihm die Augen tränten. Hektisch blinzelnd öffnete er sie wieder und sah für einen kurzen Moment seinem gefrorenen Atem nach, wie er gen einen mit Lichterketten bespannten Himmel stieg.

Herr im Himmel, Stockmann fuhr auch jedes Jahr mehr auf, schloss er und verdrehte die Augen, als er unter einer der leise surrenden Lichterketten hindurchtauchte. Hinter ihm fuhr ratternd die Straßenbahn aus Pasila an, in deren wohlige Wärme er sich grade mehr denn je zurückwünschte.

Aber es nutzte ja alles nichts…

Sein Handy mit der ominösen Nachricht von Jussi schien mit jedem seiner Schritte immer schwerer in seiner Manteltasche zu wiegen. Mittlerweile hatte es das Gewicht eines ausgewachsenen Wackersteins angenommen.

Er sollte sich nicht zu viele Hoffnungen machen.

Das zertretene Schnee-Splittgemisch unter seinen Schuhsohlen knirschte und knackte bei jedem seiner Schritte als er eilig, den Schal noch ein wenig enger um den Hals ziehend, die Prachtstraße Helsinkis hinabstiefelte – und entgegen der im Winter über diese Stadt einfallenden Touristenhorden, würdigte er seine Umgebung keines müden Blickes mehr. Er kannte das Elend zu genüge. Überall grell leuchtende Weihnachtsdekorationen, rot benaste Rentiere und winkende Santa Clauses, allseits untermalt vom einfach nicht tot zu kriegenden Weihnachtsliedzombie Last Christmas, welches zu jeder Tageszeit aus mindestens drei verschiedenen Läden gleichzeitig plärrte.

Und das riesige Einkaufszentrum Stockmann, dessen ausladende Schaufensterfront er nun endlich hinter sich gelassen hatte, war wie ein jedes Jahr federführend in Sachen abgeschmackter Weihnachtsromantik.

Er atmete erleichtert aus, da er in eine ruhigere Seitenstraße bog und vor einem imposanten Jugendstilgebäude Halt machte. Sein Atem wurde warm von der dicken Wolle des Schals zurückgeworfen. Mit vor Kälte klammen Fingern drückte er auf die Klingel und vergrub daraufhin die Hände wieder tief in den Taschen seines Mantels.

Es dauerte einen Moment, ehe die Gegensprechanlage knackend zum Leben erwachte:

„Helsingin Sanomat – mit wem spreche ich?“

Er räusperte sich hastig.

„Väinamo Nevalainen, ich habe einen Termin mit Herrn Lepistö und ich-“

Väino erschrak und taumelte fast hinterrücks die Treppenstufen herunter als sich aus dem Nichts ein warmer Arm um seine Schultern legte und ein kehliges Lachen an seinem rechten Ohr erklang.

„Herr Lepistö hat Herrn Nevalainen soeben gefunden, alles gut“, rief die dunkle Stimme lachend in die Gegensprechanlage und Väino wurde noch ein wenig enger in die halbe Umarmung gezogen.

„Meine Güte, Väino. Nicht so steif!“, grinste ihn sein bester Freund an und entließ ihn endlich aus seinem schraubstockartigen Griff. Hektisch richtete sich Väino die bei der doch recht stürmischen Begrüßung auf Abwege geratene Brille und blickte aus beschlagenen Gläsern hindurch zu Jussi auf.

„Kaffee?“, fragte dieser unumwunden und deutete mit dem Kinn auf das Espresso House am Ende der Straße.

„Machst du schon Feierabend?“, fragte Väino verwundert. In seinem Hals zog sich alles zusammen. Die Nachricht von Jussi hatte sich definitiv nach einem Job angehört und nicht nach feierabendlichen Kaffeetrinken.

Zu seiner großen Erleichterung schüttelte Jussi jedoch auch schon mit dem Kopf, dass ihm die dicke Mütze ein Stück weit in die Stirn rutschte.

„Nein, nein. Keine Sorge. Ich komme grade nur nach einem endlos langen Interview mit der neusten up and coming Band im Tavastia. Und… sagen wir es so, nach der Lärmbelästigung brauche ich wirklich dringend einen Kaffee.“ Er zwinkerte ihm zu und wandte sich bereits halb zum Gehen.

„Kommst du?“

Eilig setzte sich Väino in Bewegung und nach wenigen Metern schlug ihnen auch schon wohlige Wärme, versetzt mit dem Duft gemahlener Kaffeebohnen, entgegen. Mit jeweils einer großen Tasse bewaffnet, ließen sie sich in die durchgesessenen Polster einer Ledercouch sinken, was Jussi mit einem wohligen Stöhnen quittierte und die langen Beine lässig überschlug.

„Ach ja, so geht’s“, murmelte er und nippte an seinem Kaffee. Väino pustete verhalten in den seinen und beäugte seinen Freund über den Rand der Tasse hinweg.

„Du sitzt auf glühenden Kohlen, was?“, stellte Jussi trocken fest und ließ die Tasse sinken. Väino konnte spüren, wie ihm die Röte in die Wangen schoss, er erwiderte jedoch nichts.

„Also dann…“ Mit einer theatralischen Geste, die nicht besser zum Chefredakteur des Kulturteils der größten Tageszeitung Finnlands hätte passen können, zog Jussi einen Umschlag aus seiner Jackeninnentasche und legte ihn auffordernd auf den kleinen Beistelltisch.

„Willst du mir ein unmoralisches Angebot unterbreiten?“, fragte Väino verhalten grinsend und blickte unverwandt auf das Kuvert.

Jussi lachte. Erst jetzt merkte Väino wie müde er klang.

„So ungefähr. Wie du schon richtig erkannt hast, hätte ich einen Job für dich, Herr Fotograf.“

Interessiert legte Väino den Kopf schief, dass ihm eine auf Abwege geratene dunkle Locke ins Gesicht fiel.

„Der da wäre, Herr Redakteur?“

„Mach den Umschlag auf, dann weißt du es“, hauchte es Jussi in seine Tasse und verbrühte sich ungeachtet dieser Tat offensichtlich gehörig die Zunge bei einem zu gierigen Schluck.

Trotz des warmen Porzellans der Tasse, die er bis dato in den Händen gehalten hatte, waren Väinos Fingerspitzen eiskalt als er ein wenig zu hektisch den Umschlag öffnete und ihm nebst einem undefinierbaren Zettel, ein Zugticket in den Schoß fiel.

Ungläubig starrte Väino auf das aufgedruckte Ziel des Tickets.

„Rovaniemi?“

Er blinzelte einige Male, doch die Buchstaben auf dem Ticket wollten sich einfach nicht verändern. Entsprechend verwirrt blickte Väino von dem Bahnticket in seinem Schoß herüber zu dem Zettel, der sich bei genauerem Hinsehen als eine Buchungsbestätigung für ein Mökki in der wortwörtlichen Einöde entpuppte.

„Ganz genau. Rovaniemi.“ Jussi grinste breit. „Wie du vielleicht mitbekommen hast, rückt Weihnachten mit großen Schritten immer näher.“

Väino verzog die Mundwinkel.

„Was du nicht sagst, wäre mir so gar nicht aufgefallen.“ Er biss sich auf die Unterlippe, als ihm just in diesem Moment aufging, dass auch im Espresso House leise, aber dennoch deutlich vernehmbar, Last Christmas aus den Deckenlautsprechern rieselte.

„Wir haben seit neustem eine Werbepartnerschaft mit dem Weihnachtsmanndorf in Rovaniemi. Wir wollen passend zur Ferienzeit einen Sonderteil über Lappland bringen und bräuchten dazu noch ein paar nette Fotos. Du weißt schon…“ Jussi begann mit der freien Hand erratisch zu gestikulieren.

„Eindrücke von Land und Leuten… Rentiere, Schlittenhunde, Polarlichter… Kinder, die dem Weihnachtsmann ihre Briefe übergeben und so weiter und so fort. Und da bist du mir in den Sinn gekommen. Wie du siehst…“ Seine Finger deuteten vage auf das Schreiben in Väinos Schoß, „wäre so weit schon alles bezahlt. Du müsstest nur noch ja sagen.“

Väino biss sich unwillkürlich auf die Innenseite seiner Wangen.

Der Job klang gut. Allerdings war er so überhaupt nicht sein Metier.

„Jussi… danke dir, aber ich bin kein Landschaftsfotograf…“, gab Väino leise zu bedenken, doch Jussis Hand vollführte eine ausladende Geste als wolle er sämtliche weiter aufkommenden Einwände mit einem Schlag wegwischen.

„Ein paar Fotos der Polarlichter und ein paar Rentiere im Schnee. Das reicht uns schon an Landschaft.“

Väino nickte langsam. Seine Gedanken wanderten wie an seidenen Fäden gezogen zu seinem Kühlschrank, in dem sich die Mäuse derzeit Blasen liefen und zu dem großen Stapel unerfreulicher Briefe in der hintersten Ecke des Flures. Er konnte den Job sowas von gut gebrauchen.

„Wenn du zusagst, können wir gleich den Vertrag fertig machen", drang Jussis aufmunternde Stimme in seine düsteren Gedanken vor.

„In Ordnung“, hörte Väino sich beinah reflexartig murmeln und seine Finger krallten sich fest in das Papier.

Ein kehliges Lachen war die Antwort drauf.

„Wunderbar. Sag dem Weihnachtsmann „hallo“ von mir.“

Väino lächelte schwach und ließ seinen Blick ein weiteres Mal über das Zugticket wandern. Beim Lesen des Datums gingen ihm die Augen über.

Der Zug ging ja schon morgen!

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