Kapitel 1 – Willkommen in Eri
Willkommen in Eri, der Welt des technischen Lebens.
Erde umhüllte mich wie ein Schutzschild. Meine Klauen gruben sich durch die weiche Substanz, wie durch Wasser. Ich zog mich vorwärts, ohne zu wissen, wohin mich dieser Weg führte.
Es war still um mich herum, doch ich blieb nicht stehen, sondern folgte dem Drang nach vorne. Immer weiter und schneller. Meine Klauen gruben sich tiefer und zogen mich kraftvoll noch ein Stück voran. Ich sah nicht zurück. Hinter mir lag ein Leben, das unbedeutend schien. Es war kein Teil mehr von mir.
Ich brach durch das Erdreich und begrüßte das Licht mit einem Schrei. Kraftvoll zog ich auch den Rest meines Körpers aus dem Erdloch und schüttelte mit kräftigen Bewegungen den Dreck von meinem Körper.
Die Sonne wärmte meine metallische Haut und begrüßte mich in dieser neuen Welt, die nichts mit dem gemein hat, was ich so kannte. Alles war aus Metall. Das Gras wiegte sich schabend im Wind und die Bäume reflektierten auf ihrer blankpolierten Oberfläche das Sonnenlicht. Es blendete mich nicht und so tapste ich weiter.
Kurz pustete ich auch die Erde aus meinen Triebwerken an meinem Rücken, die meinen runden Körper bildeten. Das Gras strich mir über den Bauch und kitzelte mich. Meine sechs Beine standen sicher und trugen mich durch diese Welt, die mich immer mehr überragte.
„Hey, Usay. Ich bin hier.“ Eine bekannte Stimme drang zu mir durch und instinktiv drehte ich mich zu ihr um. Ich blickte auf einen Wurm aus Metall, der mich überragte und auf mich zu schlängelte. Er leuchtete in roten und blauen Farben.
„Du bist ein Insekt? Krass. Hab ich auch kurz nachgedacht, aber Würmer sind doch irgendwie cooler“, neckte er mich. Würmer sollten cooler sein? Nicht wirklich. Ich hatte sechs Beine. Er gar keine und auch wenn er mich jetzt überragte, konnte ich über ihn hinweglaufen, wenn er am Boden lag.
„Würmer sind schleimig und eklig, Seong, und das weißt du“, erwiderte ich und drehte mich von ihm weg. Sofort schlängelte er wieder in mein Sichtfeld.
„Ach, jetzt sei nicht eingeschnappt, Usay. Komm, lass uns ein wenig umschauen. Die Welt ist ja übelst krass. Das Spiel wird bestimmt geil.“ Er stupste mich an und kroch an mir vorbei voraus in diese Welt, die uns trotz ihres Strahlens nicht blendete.
Das Gras bog zur Seite und zeigte mir Seongs Weg, der einer Linie folgte, die für mich unsichtbar schien. „Wie hast du dich genannt, Seong? Ich heiße Bugster.“
Seong lachte in meinem Ohr und sein metallischer Kopf tauchte aus dem Gras auf. Er drehte sich zu mir. Seine dunklen Augen sahen mich an und der Mund formte sich zu einem Lächeln. „Nicht sehr einfallsreich. Ich hab mich Jim genannt.“
„Jim? Ernsthaft? Aber ich bin einfallslos. Das Game ist doch schon bei unserer Geburt alt gewesen.“ Ich lachte auf und schüttelte den Kopf.
„Ja, eben. Dann kennt es bestimmt keiner mehr.“ Er verschwand wieder im metallischen Gras, das sich klackend zur Seite bog. Ich schüttelte meinen Kopf und folgte ihm. Dieses Spiel war faszinierend. Ich steuerte meinen insektenartigen Avatar nur mit meinen Gedanken. Es war einem Marienkäfer nachempfunden, doch ich war größer oder die Welt war kleiner. Das Gras überragte mich nicht, sondern strich weiter über meinen Bauch und ich folgte meinem Freund weiter. Ich hätte mich auch für eine Spinne oder Wespe entscheiden können, aber der Käfer passte besser zu mir mit seinem starken Panzer und seiner Kraft.
„Was wollen wir jetzt tun?“, fragte ich meinen besten Freund, mit dem ich schon viele Spiele unsicher gemacht hatte. Ein Lachen drang zu mir durch und erneut tauchte sein Kopf auf.
„Was man in solchen MMORPGs immer tut. Die Welt erkunden und Quests erledigen. Komm, laut Karte ist dahinten ein Questgeber.“ Er beschleunigte und ich setzte ihm nach, doch ein wilder Vogelschrei stoppte mich.
Ein Schatten legte sich über mich und reflexartig duckte ich mich. Ein Windzug zog über mich hinweg und etwas streifte meinen Panzer. Triebwerkslärm drang an mein Ohr. Sofort suchte mein Blick den Himmel ab.
„Fuck! Usay! Lass uns von hier abhauen! Der Scheißvogel will uns fressen!“ Seongs Schrei riss mich aus meiner Beobachtung und ich beschleunigte meine Schritte unter dem nächsten Schrei.
„Hey, ich dachte, dass wir auf einen PVE Server sind! Warum kann das Vieh uns angreifen?“ Ich rannte über meinen Freund, damit er geschützt war. Vögel fraßen in erster Linie Würmer. Er war also mehr in Gefahr als ich, oder?
„Sind wir ja auch! Vielleicht ist das ein Monster.“ Seong akzeptierte meinen Schutz. „Aber da vorne ist ein Ausrufezeichen auf der Karte. Bestimmt ist da auch ein Dorf oder so. Wir sind bald in Sicherheit.“
„Sind wir das? Sollten wir nicht irgendwie kämpfen können? Du liest immer die Anleitungen, Seong! Sag mir, wie ich angreifen kann.“ Ich lief weiter und suchte verzweifelt meinen Bildschirm ab, aber all die Befehle waren ausgegraut und reagierten nicht, wenn ich sie drückte.
„Davon stand nichts im Heft!“ Der Vogel rauschte erneut über uns weg. Seine Klauen schabten funkensprühend über meinen Metallpanzer, aber er konnte mich nicht fassen. Seong war unter mir geschützt. Ihm durfte nichts passieren. Er war nicht so gepanzert wie ich.
Die Sonne brach sich auch auf den Körper unseres Angreifers, der gereizt aufschrie und noch einmal umdrehte. Ich stockte in meiner Bewegung und sah ihm dabei zu. War es ein Monster? Ein Spieler? Ich war mir sicher, dass ich eine fluchende Stimme unter dem Schrei gehört hatte.
Er ging wieder in den Sturzflug. Seong war ungeschützt, weil er weiterkroch. Nein, er durfte nicht erwischt werden. Wir waren ja gerade einmal erst Level eins. Meinen Panzer durchdrang er nicht, aber Seong war dünner und seine natürliche Beute.
Ich stürmte wie ein Rammbock durch das metallische Gras, das sich meiner Gewalt beugte, und fokussierte mich nur auf den Wurm vor mir, dessen rot-blaue Metallhaut im Sonnenlicht schimmerte.
Die Klauen des Vogels kamen näher. Auf ihnen brach sich das Sonnenlicht, aber es blendete mich nicht. Sie öffneten sich und rasten auf Seong zu. Ich zog meinen kleineren Kopf unter meine große Nackenplatte und beschleunigte meine Schritte noch einmal.
Mit einem lauten Glonk prallte ich gegen die harte Kralle. Sie verfehlte Seong und grub sich ins Gras knapp neben ihn. Sie riss Grasbüschel samt Erde aus und mit Turbinenkraft stieg der Vogel wieder in die Luft.
„Scheiße! Ich brauche diesen Wurm! Er ist der Letzte, der mir für die Quest fehlt!“ Ein Vogelkreischen begleitete jedes Wort. Er stieg erneut auf und drehte seinen Kreis. Seong war schon bei den Hügeln angekommen, die sich am Horizont erhoben. Ich selbst stand noch in der Wiese und sah dem Vogel zu. Seine Flügel waren steif wie bei einem Flugzeug, doch seine roten Augen leuchteten so stark, dass ich sie als kleine rote Punkte erkannte.
Drei Kreise zog er noch über uns, bei denen ich ihn nicht aus den Augen ließ und mich nur langsam den Erdhaufen näherte. Die Sonne brach sich auf seinem Metallkörper und seine leuchtenden Augen fixierten das Gras. Erst als Seong verschwand, zog er sich gänzlich zurück und nahm die Spannung in meinem Körper mit sich. Erleichtert seufzte ich und lächelte wieder.
„Hey, Usay? Wo bist du? Ich hab meinen ersten Questgeber gefunden. Wie sieht es bei dir aus? Kannst du ihn auch annehmen?“ Seongs Stimme holte mich gänzlich ins Spiel zurück und ich folgte ihm in diese Welt der Würmer, doch ich sah kein Ausrufezeichen. Zumindest nicht neben Seong, sondern weiter hinten im Dorf.
„Nein, leider nicht. Meiner ist weiter hinten.“ Ich näherte mich dem Ausrufezeichen auf meiner Karte und Seong folgte mir.
„Das ist ja dumm. Aber dann werden wir wohl kurz ein wenig alleine spielen. Das sind bestimmt nur die Anfangsquests, um den Charakter kennenzulernen und alles zu lernen. Danach können wir bestimmt ungehindert zusammen spielen.“ Seine Worte legten sich sanft um mein Herz und ich nickte.
„Ja, bestimmt. Viel Spaß und pass wegen Vögeln auf, ja?“, verabschiedete ich mich von ihm und blieb vor einer metallischen Wespe stehen. Jedes ihrer Glieder war ein Ring aus Metall und ihre Augen leuchteten ebenfalls rot. Triebwerke hielten sie tosend in der Luft.
„Hallozzz, Frischlingzzz“, begrüßte sie mich und landete vor mir auf dem Boden. Ihr Kopf zuckte unruhig hin und her. Immer auf der Suche nach neuer Beute. „Damitzzz duzzz in deinem neuen Körperzzz schaffstzzz, musstzzz du erstzzz einmal damit umgehenzzz. Im Graszzz draußenzzz findestzzz duzzz viele schöne Sachenzzz. Bring mir jeweilszzz zwei davon. Du wirstzzz alle deine Fähigkeiten brauchenzzz.“
Ich sah auf die Liste: Grashalme, Früchte und Öltropfen. War das möglich? Gab es so etwas wirklich? Ich nahm die Quest an und schon erschienen gelbe Bereiche auf meiner Karte. Natürlich in dem Gebiet, in dem uns der Vogel angegriffen hatte. Ich musste schnell alles finden und mit dem Anfängerquest fertig werden, damit ich Seong weiter beschützen konnte. Er durfte kein Vogelfutter werden ...



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