Kapitel 1 ~ Lina
An so einem regnerischen, späten Abend wie diesem sollte man wahrscheinlich zuhause sitzen und einen warmen Tee trinken. Stattdessen laufe ich durch die Stadt – spät, durchnässt und mit dem Wunsch, einfach nie wieder zurückzukehren. Alles zu vergessen.
Da ist er wieder: dieser Schmerz. Dieses drängende Verlangen, meine frisch verheilten Narben bluten zu sehen. Gerade als ich meine Kapuze abnehme, um meinen Sleek-Zopf zu richten, trifft mich ein dicker, eiskalter Regentropfen mitten auf die Stirn. Für einen winzigen Moment lächle ich. Früher habe ich es geliebt, klitschnass durch den Regen zu laufen. Doch die Erinnerung wird schnell wieder von der Dunkelheit in meinem Inneren übertönt.
In Gedanken versunken, laufe ich weiter Richtung Park. Ich setze mich auf eine Bank. Die Stille hier wirkt fremd auf mich – zu ungewohnt. Zuhause war es nie ruhig. Dort dominierten die lautstarken Streitereien meiner Eltern, bei denen nicht selten etwas zu Bruch ging. Aber das gehört hoffentlich der Vergangenheit an. Ich habe mir geschworen, nie wieder zurückzugehen.
So sehr ich auch in meine Gedanken vertieft bin, bemerke ich irgendwann, dass sich jemand neben mich gesetzt hat. Ich weiß nicht, wer es ist – und auch nicht, warum ausgerechnet ich die Person bin, zu der man sich setzt. Ein Mädchen, das einsam in die Dunkelheit starrt.
Kurz spiele ich mit dem Gedanken, etwas zu sagen. Die
Person zu fragen, warum sie sich ausgerechnet neben mich
gesetzt hat. Doch ich schweige und starre weiter vor mich hin. Minuten vergehen in einer merkwürdigen, fast unangenehmen Stille.
Dann durchbricht eine Stimme das Schweigen:
„Hattest du auch so einen schweren Tag? Du siehst traurig aus.“
Ich zögere. Soll ich lügen? Oder die Wahrheit sagen?
Ich entscheide mich für die Wahrheit. Was habe ich schon noch zu verlieren?
Als ich beginne, über alles zu sprechen, regt sich etwas in mir. Ein alter, schmerzhafter Knoten, der viel zu lange tief in mir geschlummert hat. Er steigt langsam die Kehle hinauf, angefeuert von all dem, was in den letzten Stunden geschehen ist. Ich versuche, ihn zu unterdrücken. Vergeblich.
Wusch.
Er platzt.
All meine Probleme, meine Sorgen – sie brechen heraus. Tränen, heiß und unaufhaltsam, tropfen auf meinen Schoß. Ich will gerade den Mund öffnen, um alles auszusprechen – doch dann passiert etwas Unerwartetes.
Die Person neben mir nimmt mich einfach in den Arm.
Ohne Worte. Einfach so.
In dieser Umarmung liegt eine Wärme und Sicherheit, wie ich sie lange nicht gespürt habe. Mein Herz beginnt sich zu beruhigen. Als ich mich schließlich aus der Umarmung löse, blicke ich in ein sanftes Lächeln. Von einem Menschen, den ich nicht kenne – der aber in diesem Moment alles für mich ist.



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