Eisige Begegnung
**AVERY**
Die Türen des Stadions glitten lautlos zur Seite, und ein Schwall eisiger Luft schlug mir entgegen. Der Geruch von frischem Beton und kaltem Metall vermischte sich mit einer seltsamen Sterilität, die den Ort unangenehm sauber erscheinen ließ. Mein Blick wanderte durch die Empfangshalle - hohe Decken, kühle LED-Leuchten, grauer Steinboden. Alles wirkte modern, präzise und irgendwie unpersönlich. Hier zählte Effizienz, nicht Wärme.
Perfekt. Genau das, was ich brauchte.
Meine Hände schlossen sich um den Griff meiner Tasche, als ich tiefer in das Gebäude eintrat. Durch die Wände drangen die Geräusche von Stimmengewirr, das Klappern von Schlittschuhen auf Eis und gelegentliche laute Schreie. Ich schloss für einen Moment die Augen und konzentrierte mich auf den Rhythmus meines Atems. Es war nur ein Job. Ein Job. Mehr nicht.
„Miss St. Clair?“
Die tiefe Stimme ließ mich zusammenfahren. Ich drehte mich um und sah einen Mann in einem perfekt sitzenden Anzug auf mich zukommen. Er sah aus, als hätte er den Anzug mit der gleichen Sorgfalt ausgesucht wie die modernen Kunstwerke an den Wänden hinter ihm. Seine Haltung war steif, sein Lächeln höflich, aber nichts davon wirkte echt.
„Ja, das bin ich.“ Ich lächelte ebenso professionell und streckte ihm die Hand entgegen.
„Gregor Thorne. Leiter des Teams. Ich nehme an, Sie sind bereit, mit Ihrer ... Arbeit zu beginnen.“ Der letzte Teil klang, als hätte er einen bitteren Geschmack auf der Zunge.
„Das ist der Plan“, atwortete ich knapp und ignorierte seinen Tonfall. Männer wie er betrachteten Künstlerinnen wie mich als schmückendes Beiwerk - überflüssig und bestenfalls störend. Aber meine Arbeit sprach für sich, und bald würde auch er das begreifen.
Während wir durch die Gänge gingen, wurde das Dröhnen der Schlittschuhe auf dem Eis immer lauter. Die Stimmen, die aus dem Stadion drangen, wurden von Sekunde zu Sekunde lauter. Eine Mischung aus Anweisungen, Flüchen und gelegentlichem Gelächter.
„Wir haben Ihnen einen Arbeitsbereich direkt am Eis zugewiesen“, erklärte Gregor in einem Tonfall, als hätte er das schon unzählige Male gesagt. „Versuchen Sie, sich möglichst aus dem Weg zu halten. Die Spieler müssen sich konzentrieren.
Ich schnaubte leise. „Natürlich. Ich würde es hassen, jemandem im Weg zu stehen.“
Er warf mir einen kurzen Seitenblick zu, sagte aber nichts. Wahrscheinlich war ich für ihn nur eine lästige Pflicht, ein Punkt auf seiner To-do-Liste. So mochte er mich am liebsten - unbeteiligt und distanziert.
Wir erreichten eine schwere Metalltür, die Gregor mit einem kurzen Ruck öffnete. Dahinter befand sich ein karger Raum, kaum mehr als ein Lager mit Blick auf die Eisfläche. Ein paar Stühle und ein Tisch standen verloren in der Mitte, eine große Glasscheibe gab den Blick frei auf das Training.
„Hier werden Sie arbeiten“, sagte Gregor. „Wenn Sie etwas brauchen, wenden Sie sich an die Logistik.“
„Toll“, sagte ich und stellte meine Tasche auf den Tisch. „Ich bin sicher, es wird ... inspirierend.“
Gregor warf mir einen kurzen, skeptischen Blick zu, bevor er die Tür hinter sich schloss und mich allein ließ.
Ich packte gerade mein Werkzeug aus, als sich auf der anderen Seite der Eisfläche eine Tür öffnete. Eine Gruppe von Spielern stürmte heraus, begleitet von einem tiefen, dröhnenden Lachen. Sie wirkten wie ein Sturm - laut, unaufhaltsam, voller Energie.
Doch einer stach sofort heraus. Keal Ivanov
Er war größer als die anderen, mit einer Präsenz, die den Raum erfüllte, ohne dass er etwas sagen musste. Sein schwarzes Haar war feucht, einige Strähnen fielen ihm in die Stirn. Seine Schultern unter der Trainingsjacke waren breit, seine Bewegungen geschmeidig wie die eines Raubtiers. Aber es waren seine Augen, die mich fesselten - eisblau und unerbittlich.
Die Geräusche des Stadions - das Klirren der Schläger, das rhythmische Schaben der Schlittschuhe auf dem Eis - hallten durch den Raum wie ein unwillkommener Puls, der mich aus meiner Konzentration riss. Mein Blick war auf die Skizze vor mir gerichtet, aber immer wieder schweifte er ab zu den Spielern auf dem Eis.
Vor allem zu Kael Ivanov.
Der wandelnde Eiszapfen mit zu viel Selbstvertrauen und einem Lächeln, das einem gleichzeitig die Lust raubte und die Wut ins Blut trieb. Ich hatte ihn vorhin nur ein paar Minuten gesehen, und doch brannte sich sein arrogantes Auftreten wie ein schlechter Ohrwurm in meinen Kopf.
Gerade als ich meinen nächsten Glasentwurf zu Papier bringen wollte, öffnete sich die Tür zu meinem Arbeitsraum. Ein vertrautes, selbstgefälliges Lächeln begrüßte mich.
„Ich habe gehört, die Eiskönigin hat sich in meiner Höhle eingenistet.“ Kaels Stimme war tief und spöttisch, begleitet vom leisen Knarren seiner Schritte auf dem Betonboden.
„Oh, du hast eine Höhle?“ Ich hob den Kopf und sah ihn an, während ich betont langsam meinen Stift auf den Tisch legte. „Passt zu dir. Vermutlich dekadent, dunkel und leer. Klingt gemütlich.“
Er lehnte sich lässig an den Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. „Dekadent? Interessant, dass du glaubst, so viel über mich zu wissen. Vielleicht solltest du erst einmal die Grundlagen lernen, bevor du dich an Analysen wagst.“
Ich ließ meinen Blick bewusst abschätzig über ihn gleiten. „Nun, die Basics schreien laut genug. Wieder ein Sportler mit zu großem Ego und zu wenig Hirn, der glaubt, sich die Welt nach Belieben zurechtbiegen zu können.“
Sein Grinsen wurde breiter, als ob ihn meine Worte mehr amüsierten als beleidigten. „Und du bist natürlich das moralische Gegenteil. Eine Künstlerin, die glaubt, die Welt retten zu können, indem sie hübsches Glas in ein Stadion voller Menschen stellt, die hierher kommen, um Schlägereien zu sehen.“
Er beugte sich leicht vor, als wollte er mir ein Geheimnis anvertrauen, aber seine Stimme triefte vor Ironie. „Ich bin Kael Ivanov. Der Typ, der Tore schießt, Frauen verführt und dafür sorgt, dass Künstlerinnen wie du nie das letzte Wort haben.“
„Ohhh... Ivanov .... So viel Selbstüberschätzung hätte ich nicht mal dir zugetraut!“
Ein Lachen entfuhr ihm, leise, fast bedrohlich. „Ich gewinne immer, Prinzessin.“
„Du denkst, das hier ist ein Spiel. Ich bin nicht hier, um zu spielen. Ich bin hier, um etwas zu erschaffen, das größer ist als du. Größer als dein Ego und größer als dein Selbstmitleid, das du so gut hinter deiner ‘Ich bin der Beste’-Haltung versteckst.“
Er blinzelte kurz, bevor er sich langsam aufrichtete, aber dann war das Grinsen wieder da, arrogant wie immer. „Weißt du, was ich an dir mag?“ Seine Stimme klang jetzt ruhiger, fast herausfordernd. „Nichts. Aber ich mag die Art, wie du verzweifelt versuchst, mich zu provozieren. Das ist wirklich süß.“
Ich spürte, wie sich meine Hände zu Fäusten ballten, aber ich zwang mich, ruhig zu bleiben. „Sü? Vielleicht solltest du in den Spiegel schauen, bevor du über jemanden urteilst. Was du da siehst, könnte dich überraschen.“
Er trat einen Schritt näher, seine Präsenz war jetzt fast erdrückend. „Du redest, als würdest du mich kennen. Aber glaub mir, du hast keine Ahnung, wovon du redest.“
„Dann kläre mich auf“, forderte ich, ohne einen Schritt zurückzuweichen.
Er hielt inne, als überlege er, ob er etwas sagen sollte. Doch stattdessen zuckte er nur mit den Schultern und wich zurück. „Heute nicht. Aber ich bin sicher, wir werden uns noch öfter begegnen. Schließlich liebst du es, in meiner Nähe zu sein.“
„Das ist ein Irrtum. Aber keine Sorge - ich habe kein Problem damit, dir das Gegenteil zu beweisen.“
Kael lachte leise, bevor er zur Tür ging. „Ich freue mich darauf, Eiskönigin.“
Ich zwang mich, tief durchzuatmen und den Griff meiner Stifte zu lockern, doch meine Hände zitterten leicht. Der Raum fühlte sich plötzlich enger an, als wäre Kaels arrogantes Grinsen noch hier und nicht irgendwo draußen auf dem Eis.
Ich versuchte, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, die ersten Skizzen zu verfeinern, die Farben der Glasfragmente zu sortieren, aber mein Kopf schwirrte noch immer vor unausgesprochenen Antworten. Er war ein wandelnder Albtraum - jemand, der sich seiner Sache so sicher war, dass er sich nicht einmal die Mühe machte, zuzuhören.
Mein Blick wanderte zu der Glaswand, die den Blick auf die Eisfläche freigab. Kael war selbst in der Gruppe leicht auszumachen. Er bewegte sich mit einer fast magnetischen Sicherheit, als wäre er ein König unter seinen Untertanen. Das Spiel wurde härter, die Schläge des Pucks hallten durch die Halle, und Kael war immer mittendrin, lachte, fluchte, rief Anweisungen.
Ich sah ihm zu, konnte nicht wegsehen, obwohl ich es wollte. Vielleicht war es die Art, wie er sich bewegte - geschmeidig, kraftvoll, fast wie ein Tänzer, der über das Eis flog. Oder vielleicht war es die Energie, die er ausstrahlte, roh und ungezähmt, aber gleichzeitig kontrolliert. Es war ein Widerspruch, der mich wütend machte.
Plötzlich ging die Tür wieder auf, und ich zuckte zusammen, weil ich dachte, er sei wieder da. Aber es war Gregor.
„Miss St. Clair“, begann er mit diesem professionellen Lächeln, das mich sofort auf die Palme brachte. „Wie geht es voran?“
„Es läuft.“ Ich zwang mich, ruhig zu klingen, obwohl meine Geduld langsam an ihre Grenzen stieß.
„Gut, gut.“ Er nickte knapp, sein Blick wanderte zu meinen Skizzen. „Nur zur Information: Die Mannschaft wird noch etwa eine Stunde trainieren. Danach sind die Spieler vielleicht neugierig. Sie wissen ja, wie die sind.“
„Ach, einen Eindruck habe ich schon.“
Gregor runzelte die Stirn. „Kael?“
„Kael.“ Mein Tonfall war scharf, und Gregor schüttelte kaum merklich den Kopf, als fände er meine Frustration amüsant.
„Nun ja , er ist ... speziell.“
„Speziell ist eine nette Umschreibung.“
Gregor zog die Augenbrauen hoch, als hätte ich etwas besonders Kluges gesagt. „Nun, Kael hat eine sehr ... ausgeprägte Persönlichkeit. Aber er liefert. Das ist alles, was für uns zählt.“
„Für euch vielleicht.“
Gregor lächelte dünn und verschwand, bevor ich noch etwas sagen konnte.
Ich ließ meinen Blick über die Eisfläche schweifen, während das Training weiterging. Kael bewegte sich mit einer Präzision, die fast unwirklich erschien - jeder Schritt auf den Kufen, jede Bewegung mit dem Schläger war kalkuliert und mühelos zugleich.
„Er liefert“, hatte Gregor gesagt. Aber war das alles, was zählte? Ein Spieler, der auf dem Eis brillierte, aber neben dem Eis das größte Arschloch war?
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und zog die Skizzen näher an mich heran.








