Witchboy

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Summary

In der Nacht zum sechzehnten Geburtstag zeigt sich, ob ein Mädchen eine Hexe ist oder nicht. Das ist die Nacht, in der sich ihre Kräfte offenbaren. Gut, dass Kilian kein Mädchen ist. Als einziger Junge in einem Hexenhaushalt will er so wenig wie möglich mit dem magischen Treiben der Frauen in seiner Familie zu tun haben. Aber das seltsame Gefühl, das ihn am Tag vor seinem sechzehnten Geburtstag beschleicht, lässt nichts Gutes erahnen und Kilian wird eine unmögliche Aufgabe bewältigen müssen, um sein Leben zu retten: Er soll das Schwert von Siegfried aus dem Nibelungenlied finden oder sterben.

Genre
Fantasy
Author
MrsDuden
Status
Complete
Chapters
41
Rating
5.0 6 reviews
Age Rating
16+

Nur ein Traum

Kilian öffnete träge die Augen und sah sich blinzelnd in seinem Zimmer um. Kein Wald. Grün gestrichene Wände, hölzerner Kleiderschrank aus dem Antiquitätenladen seiner Mutter, chaotischer Schreibtisch voller Schulsachen, Bücher und Zeichnungen, darüber Poster seiner Lieblings-Indiebands ordentlich eingerahmt, eine flaschengrüne ausziehbare Retrocouch, ebenfalls aus dem Antiquitätenladen, ein alter Holzstuhl als Nachttisch neben seinem Bett, darauf der Roman, den er gerade zum dritten Mal las, sein Handy, aus dem das Ladekabel ragte. Alles an seinem Platz.

Er seufzte erleichtert.

Er war sich nicht sicher, warum er etwas Anderes erwartet hatte. Oder befürchtet? Er blickte, immer noch im Bett liegend, aus dem Fenster hinab auf die Straße. Das Goldgelb der Bäume blendete ihn fast im Sonnenschein des gar nicht herbstlich wirkenden Oktobertags. Lediglich die warmen Jacken und Schals der Passanten verrieten, dass es draußen schon angemessen kühl war. Er richtete sich im Bett auf und tickte vor Schreck zusammen.

Eine Krähe saß auf einem Ast des Baumes vor dem Haus. Sie erinnerte ihn an das unbehagliche Gefühl, das er vor wenigen Augenblicken noch gehabt hatte. Vage rührte sich in seinem Gedächtnis etwas, was er geträumt hatte, eine Krähe war darin vorgekommen. Oder drei? Es wollte ihm nicht einfallen. Er hörte auf, den Vogel anzustarren und damit dies auf Gegenseitigkeit beruhte, zog er den Vorhang zu. Die Krähe krächzte draußen.

"Du kannst an einem anderen Fenster spannen", murmelte er und ging über die quietschenden Dielen zu seinem Kleiderschrank, um sich anzuziehen.

Mit einem grauen Hoody und einer schwarzen Jeans gerüstet, begab er sich die Treppe hinunter. Vorbei an der Galerie von Kinder- und Familienfotos, auf denen er, seine Schwester Selena, seine Mutter Sara und deren Mutter Klara in wechselnden Konstellationen zu sehen waren. Immer seiner Nase folgend in Richtung Gebäckduft. Sein Geruchssinn hatte sich nicht getäuscht. An der Kochinsel in der Mitte des Raumes stand seine Großmutter mit ihrer gepunkteten Rüschenschürze und stapelte Pfannkuchen aufeinander. Das Klappern in der Ecke lenkte seinen Blick zu seiner Mutter, die den Tisch deckte. Seine Freude über die Pfannkuchen erfuhr einen Dämpfer. Drei Teller.

"Also ist Sally noch nicht da?", schmollte er und schlurfte zum Kühlschrank, um seiner Mutter beim Tischdecken zu helfen.

"Dir auch einen guten Morgen, mein Sohn", entgegnete seine Mutter ihm schnippisch. Er zog kurz das Gesicht aus dem Kühlschrank, um ihr Gesicht zu überprüfen. Sie lächelte spöttisch. Gut. Streiten wollte er jetzt nicht. Er holte Butter und Marmelade aus dem Kühlschrank und stellte enttäuscht fest, dass keine Karamellsauce mehr da war. Mit dem Ellenbogen schob er die Kühlschranktür zu und trug seine magere Ausbeute zum Esstisch.

"Deine Schwester hatte noch zu tun und wird erst morgen eintreffen." Der missbilligende Tonfall, in dem seine Großmutter das sagte, verriet ihm, dass seine Schwester Selena gestern vermutlich zu lange auf einer Party gewesen war, um heute früh hier zu sein, da sie sich noch ausschlafen musste. Wie so häufig.

"Studentinnen", seufzte seine Mutter theatralisch und lächelte, die Augen verdrehend. Sie setzten sich an den Tisch, als seine Großmutter mit den Pfannkuchen herüberkam.

"Hoffentlich ist sie morgen nicht verkatert", murrte Kilian und erntete einen missbilligenden Blick aus den blauen Augen seiner weiblichen Vorfahren.

"Erstens weißt du genau, dass deine Schwester ihr Wort hält-" er sah sie skeptisch an und sie schürzte die Lippen, bevor sie fortfuhr - "prinzipiell zumindest. Und zweitens ist es auch nicht so, als wäre dein sechzehnter Geburtstag etwas Besonderes."

"Danke, Mutter. Du weißt wirklich, wie man junge Menschen aufbaut und ihnen Selbstvertrauen vermittelt. Wirklich einfühlsam von dir", sagte er ausdruckslos und bestrich seinen Pfannkuchen mit Marmelade. Obwohl er viel lieber Karamellsauce gehabt hätte.

"Kinder, seid lieb zueinander", mahnte seine Großmutter in spöttischem Tonfall und Kilian lächelte widerwillig.

"Du weißt genau, dass deine Mutter es nicht so gemeint hat. Oder Sara?" Sie sah ihre Tochter erwartungsvoll an.

"Es wird alles gut gehen. Du wirst schon sehen. Sally wird hier sein und alles wird, wie du es dir gewünscht hast." Seine Mutter zwinkerte ihm zu und er nickte kauend.

"Wir müssen gleich noch etwas vorbereiten, deshalb wäre ich dir dankbar, wenn du schonmal den Laden aufschließen könntest."

Er verschluckte sich.

"Du hast doch gesagt, es wird alles, wie ich es mir gewünscht habe", stieß er hustend hervor.

"Ja, natürlich. Was hast du denn?", fragte seine Großmutter beschwichtigend und klopfte ihm auf den Rücken.

"Wieso bereitet ihr dann etwas vor? Ich will nichts- Ein ganz normaler Tag. Ganz normal. Nichts Aufregendes, Ausgefallenes und keine seltsamen Überraschungen-" stammelte er aufgeregt.

"Keine Sorge. Es wird alles ganz normal. Unsere Vorbereitungen haben mit dir nichts zu tun. Es geht um-" doch er unterbrach seine Großmutter mit einem knappen "Gut", stand auf, packte seinen Teller, um ihn in die Spüle zu stellen und eilte, den Ladenschlüssel von seinem Haken nehmend zu dem direkt neben dem Wohnhaus befindlichen Ladenlokal, um es aufzuschließen.

Auf dem Weg las er die Nachrichten, die seine beste Freundin Luisa ihm geschrieben hatte:

"Na" und "schon aufgeregt vor deinem großen Tag?" stand da auf dem Display.

"Geht so. Muss den Ladenhüter spielen. Kommst du vorbei?", antwortete er ihr und erschrak, als ihre Stimme hinter ihm "Na klar", trällerte.

"Deine Haare", sagte er und starrte Lu an.

"Jap", antwortete sie.

"Sie sind weg", stellte er fest.

"Kurz, nennt man das", erwiderte sie und wuschelte durch ihren Pixie-Cut.

Kilian starrte sie weiter an und sie lachte.

"Du guckst, als hätte ich mir einen zweiten Kopf wachsen lassen", spöttelte sie.

"Nein. Es ist gut. Ich bin nur so überrascht. Ich kenne dich seit dreizehn Jahren mit langem Haar", sagte er langsam. Frauen und ihre Haare waren ein heikles Thema. Wenn man alleine mit drei Frauen aufwuchs, wusste man das.

Lu knuffte ihn gegen die Schulter. Zusammen betraten sie den kleinen, vollgestopften Antiquitätenladen, den seine Mutter führte. Woanders musste man sich mehr Gedanken über Warenpräsentation machen, aber da sie in einer großen Universitätsstadt voller Hipster wohnten, wo scheinbar jeder der Individuellste bis hin zu seinem Nachttisch sein wollte, gingen die meisten ihrer Waren so schnell wieder raus aus dem Laden, dass es kaum nötig war, sie besonders zu ordnen oder zu präsentieren.

Außerdem machte gerade das scheinbare Chaos, in dem sich der Blick überall verfing und auch die vermeintlich uninteressanten Dinge bemerkte, einen Teil des Charmes des Geschäfts aus. Der Rest waren vermutlich die tadellose Qualität der Waren und die verhältnismäßig günstigen Preise. Kilian verschwand gerade in dem kleinen Büro hinter dem Verkaufstresen, um zwei große Tassen Kaffee zuzubereiten, als die Glocke an der Tür klingelte, die Kundschaft ankündigte.

Er stellte die Tassen also erst einmal ab und betrat den Verkaufsraum wieder. Kilian bedeutete Lu, den Kaffee zu machen und begrüßte den älteren Herrn, der vor einer Vitrine stand, in dem ein opulentes, goldenes Collier - Lu hatte es einmal Kitschhalsband des Todes getauft - aufbewahrt wurde:

"Guten Morgen. Suchen Sie etwas Bestimmtes?" Keine besonders originelle Ansprache, aber sie erfüllte ihren Zweck.

"Ich wollte mich erstmal umschauen, Danke", erwiderte der Mann so, wie die meisten Kunden der meisten Läden.

"Sehr gern, lassen Sie mich wissen, wenn ich Ihnen helfen kann", sagte er mit seiner unaufdringlichsten Freundlichkeit und entfernte sich. Lu drückte ihm einen Kaffee in die Hand und sie setzten sich auf die zwei Barhocker, die hinter dem Tresen standen.

"Das geht ja schon busy los. Dabei hatte ich gehofft, wir hätten etwas Zeit, um zu planen, wie wir das besondere Ereignis, das ins Haus steht, begehen wollen", sagte sie, während sie immer wieder auf ihren dampfenden Kaffee pustete. Kilian sah sie augenrollend an.

"Ich will einfach einen ganz normalen Tag haben. Keine Party, nicht mal Geschenke und bloß keine Überraschungen", grollte er. Lu lachte nur.


*


Gegen Abend war er so nervös, dass Lu vorschlug, ins Kino und danach noch etwas Essen zu gehen.

"Dann können wir ja gucken, was wir machen. Wir können in deinen Geburtstag reinfeiern, wenn du schon nicht richtig feiern willst."

Kilian nickte. Er sah sich immer wieder um. Musterte die Leute in der Stadt. Alle sahen normal aus. Gut. Er wusste nicht, was er erwartete oder wonach er genau Ausschau hielt. Er sah es jedenfalls nicht.

Sie sahen sich einen Horrorfilm an und teilten sich einen großen Eimer Popcorn. Die Filmhandlung konnte ihn so weit fesseln, dass er zumindest nicht mehr grübeln konnte, aber nach dem Film waren immer noch gut vier Stunden übrig, die sie irgendwie verbringen mussten. Trotz der riesigen Portion Popcorn gingen sie also in ein Bistro und bestellten Pizza.

Eine Schulfreundin kam zwischendurch an ihrem Tisch vorbei und sie tauschten sich über die Herbstferien aus. Sie musste aber bald weiter und als um zehn Uhr abends immer noch nichts passiert war, was seine Nervosität rechtfertigen würde, entspannte er sich langsam.

"Lass uns zu mir gehen. Vielleicht können wir meine Oma überreden, dass wir dringend einen Schokokuchen brauchen. Aus ganz sachlichen Gründen natürlich", sagte er schmunzelnd. Lus Augen funkelten.

"Schokokuchen!", rief sie begeistert. Kilian hielt einen Finger in die Luft.

"Wir werden ihr natürlich zur Hand gehen", mahnte er.

"Natürlich", stimmte ihm Lu mit übertriebenem Ernst zu. "Aber wir werden unsere Hilfe auch nicht aufdrängen", fuhr sie dann mit einem Grinsen fort.

"Nein, das wäre ja auch nicht schicklich", prustete er. Sie bezahlten also ihre Rechnung und machten sich auf den Weg.

Seine Großmutter hatte schon Kuchen für morgen gebacken und- "da ich meinen Enkel und seinen Umgang kenne, habe ich noch eine Probierportion gemacht", mit einem verschmitzten Lächeln händigte sie den beiden Teenagern zwei Teller mit Kuchenstücken aus und parkte sie vor dem Fernseher.

Kilian hatte zwar immer noch eine latente Furcht, dass etwas passieren könnte, aber bis auf die Tatsache, dass er die ganze Zeit mit gespitzten Ohren dasaß und bei jedem Geräusch den Kopf drehte, hatten sich sein Verhalten und seine Laune weitgehend normalisiert. Er wurde müde. Ein Blick auf die Uhr: Fast elf.

"Ich glaube, das mit Reinfeiern wird heute nix. Ich schlafe hier gleich im Sitzen ein." Aber seine Worte stießen auf taube Ohren. Lu war schon auf der Couch eingeschlafen. Er deckte sie zu, schaltete den Fernseher aus und rief ihre Eltern an, um ihnen Bescheid zu geben, bevor er sich in sein Bett begab. Er lag dann doch noch eine Weile wach, aber gegen halb zwölf hatte er sich so weit entspannt, dass er die Augen schloss und einschlief.

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