Kapitel 1
Nixx
Es war genau 7 Monate, 3 Stunden und 13 Minuten her, seit ich der Alpha des Shadowed Sunset Rudels geworden war. Genauso lange war es her, dass ich meinen Vater verloren hatte. Der eine Mensch, der mich in die Rolle des Alphas einführen sollte, verblutete auf dem Waldboden. Ganz allein.
Jedes Mal, wenn ich mich daran erinnerte, wirkte es noch schlimmer. Aber so war die Wahrheit nun mal.
Es war ein plötzlicher Angriff von Rogues gewesen, genau in dem Moment, als mein Vater einen Spaziergang machen wollte. Er konnte nicht einmal blinzeln, bevor sie über ihn herfielen.
Ich versuchte mir einzureden, dass es schmerzlos für ihn war. Aber ich wusste, dass das nicht stimmte. Deshalb sorgte ich dafür, dass ihr Tod auch alles andere als schmerzlos war.
Ich hatte heute tausend Dinge zu erledigen, anstatt aus dem Fenster zu starren. Und doch konnte ich den Blick nicht von der Aussicht abwenden. Das alles gehörte mir, das ganze Rudel und das Land. Doch egal, wie oft ich es mir im Kopf vorsagte, ich brachte die Worte nicht über die Lippen.
Ich konnte nicht aussprechen, dass er weg war. Ich wollte nicht, dass die Worte in der Luft hingen und die bittere Wahrheit besiegelten. Vielleicht, so dachte ich, würde er zurückkommen, wenn ich es niemals laut aussprach.
Es war ein dämlicher Gedanke, aber ich schob ihn nicht beiseite. Diese eingebildete Hoffnung war die eine Sache an mir, die ich nicht ändern wollte.
Mein Blick glitt zu den Karten, die auf meinem Schreibtisch verstreut lagen. Noch so eine sinnlose Hoffnung. Ich hatte jeden Winkel auf diesen Karten nach der einen Person abgesucht, die mich vervollständigen sollte. Aber ich glaubte nicht mehr daran, dass sie da draußen war.
Vielleicht existierte sie einfach nicht. Das kam vor. Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich ohne sie kein elender Bastard wäre. Verdammt, ich fing jetzt schon an, mich auf eine Weise zu verhärten, die ich mir nie hätte vorstellen können.
Die Tür flog auf. Ich riss den Blick vom Fenster weg, schüttelte diskret den Kopf und setzte die Maske des Alphas auf.
„Unsere Grenzen wurden wieder verletzt, Alpha“, sagte mein Beta.
Ich griff bereits nach meiner Jacke, noch bevor er ausgesprochen hatte.
„Ist es schlimm?“, fragte ich im Gehen.
Es war der dritte Angriff diesen Monat. Die Palette reichte von einem kompletten Blutbad bis hin zu einem einfachen Schlag ins Gesicht. Ich wusste also nicht, was mich diesmal erwartete. Ich hätte gedacht, einen Alpha zu töten, würde ihnen einen Tag Pause verschaffen, aber anscheinend nicht.
„Eigentlich“, sagte Kyler und rieb sich den Nacken, „ist es nur ein Mädchen.“
Meine Schritte stockten und ich blieb ganz stehen, um ihn anzusehen.
„Du willst meine Hilfe wegen eines Mädchens?“
Kyler fuhr sich mit den Händen durchs Haar und dann übers Gesicht, während er schwer ausatmete.
„Ich habe versucht, es ihr auszureden, aber sie besteht darauf, mit dir zu sprechen. Ich glaube, sie ist verletzt, aber sie sagt mir nicht, wo. Sie steht einfach nur an der Grenze. Sie tut niemandem etwas und macht nichts kaputt, also habe ich keinen Grund, sie einzusperren.“
Ein frustriertes Seufzen entwich mir.
„Du sperrst sie wegen unbefugten Betretens ein und weil sie sich weigert zu gehen, Ky.“
Er trat nervös von einem Fuß auf den anderen. „Es fühlt sich einfach nicht richtig an. Alles, was sie will, ist reden. Das ist alles, und sie ist verletzt.“
Ich gab ein ungläubiges Geräusch von mir. Ich starrte ihn an und wartete darauf, dass er lachte, aber er blieb ernst.
„Kyler, wenn wir jeden Rogue draußen ließen, nur weil er reden will, dann hätten wir bald kein Rudel mehr.“
„Du weißt doch gar nicht, ob sie ein Ro-“
„Sie steht an unserer Grenze, täuscht eine Verletzung vor und behauptet, sie wolle reden! Was soll sie sonst sein? Unterscheide verdammt noch mal zwischen deinem Kopf und deinem Herzen, okay?! Steck sie in eine Zelle und fertig. Wenn sie mit mir reden will, dann kann sie das hinter Gittern tun.“
Ich ließ ihn einfach dort stehen. Dabei sagte mir jeder Instinkt, dass ich mich umdrehen und mich entschuldigen sollte.
Ein Alpha zu werden bedeutete, mehr als nur die Mimik zu verhärten. Man musste sich beibringen, harte Dinge zu tun, selbst wenn sie sich falsch anfühlten. Man musste Leute wegstoßen, selbst wenn man sie am liebsten festhalten wollte. Es bedeutete, eine neue Person zu werden: ein Anführer.
Anmerkung des Autors
Ich weiß, dieses Kapitel ist kurz, aber es soll erst mal nur zum Austesten sein. Lasst mich wissen, was ihr denkt!








